Breitling holt das Handaufzugskaliber B09 in die Kernkollektion und stellt eine Cosmonaute mit B02 daneben. Die Serien-Navitimer rechnet auf der eigenen Lünette vor, was die bisherige Limitierung gekostet hat.
Der Rechenschieber auf der Navitimer kann multiplizieren und teilen. Zwei logarithmische Skalen liegen übereinander, eine fest am Rand des Zifferblatts, die andere auf dem drehbaren Ring. Wer sie gegeneinander verschiebt, bekommt Geschwindigkeiten, Verbrauchswerte oder Meilen in Kilometern, ganz ohne Papier. Breitling hat die Uhr 1952 für die amerikanische Pilotenvereinigung AOPA entwickelt. Seitdem dürften die meisten dieser Lünetten mehr Schaufensterlicht als Dreisätze gesehen haben. Bei der neuen Navitimer B09 Chronograph 41 bekommt sie wieder eine Aufgabe. Es geht um den Preis der Seltenheit.
Bild: Breitling.
Breitling nimmt die B09 dauerhaft ins Programm. Es gibt sie mit schwarzem oder blauem Blatt, beide mit weißen Hilfszifferblättern. Sammler nennen das Reverse Panda, weil der Bär es andersherum trägt: hell im Gesicht, dunkel um die Augen. Daneben steht eine Cosmonaute mit dem Kaliber B02 und 24-Stunden-Anzeige. Beide Uhren messen 41 Millimeter, beide werden von Hand aufgezogen. Für die B09 bedeutet das einen Statuswechsel. Breitling setzt das Werk nach eigener Beschreibung vor allem in historischen Neuauflagen und Modellen mit Heritage-Anspruch ein, zuletzt in einer auf 500 Exemplare limitierten Navitimer für Miles Davis. Jetzt ist sie die erste Navitimer der Kernkollektion mit diesem Kaliber. Kernkollektion heißt das Sortiment, das noch da ist, wenn die Sondereditionen längst vergriffen sind.
Gleiche Datenblätter, anderer Preis
Ich habe die Datenblätter der Miles Davis und der neuen schwarzen B09 am Lederband nebeneinandergelegt. Zeile für Zeile stimmen sie überein, vom Durchmesser über das Werk bis zur Faltschließe. Auf den Bildern unterscheidet sich die Limitierte durch cremefarbene Leuchtmasse und ein etwas helleres Braun am Band. Die Serienuhr kostet 7.450 Euro, die Miles Davis lag 1.450 Euro darüber.
Bild: Breitling.
Die Lünette der Serienuhr kommt zum selben Befund. Dreht man die 89 der Lünette über die 10 der inneren Skala, steht neben der 74,5 eine knappe 8,4. Die Serienuhr kostet also rund 84 Prozent der limitierten. Selten hat ein Werkzeug so bereitwillig gegen die eigene Sonderedition ausgesagt.
Für 1.450 Euro, knapp ein Fünftel des Serienpreises, gab es also eine Leuchtfarbe mit Jahrzehnten Patina ab Werk. Dazu die Gewissheit, dass 499 andere Menschen sie auch haben.
Fairerweise bot die Miles Davis mehr als Leuchtmasse. Sie kam mit einem Namen und einer Geschichte, die Breitling ausführlich erzählt. Wer sie wegen dieser Geschichte gekauft hat, hat bekommen, wofür er bezahlt hat. Wer sie wegen des Werks wollte, findet dasselbe Werk inzwischen in der Serie. Mit der Serienfassung verliert die Limitierung ihr stärkstes Argument. Übrig bleibt der Farbton.
Für den Sammlerreflex, meinen eingeschlossen, ist das eine unbequeme Nachricht. Eine B09 gab es bisher nur, solange eine Edition reichte. Das Wort solange erledigt beim Uhrenkauf erstaunlich viel Überzeugungsarbeit. Diese Arbeit fällt jetzt weg. Die Uhr muss an einem beliebigen Dienstag gefallen, ohne dass irgendwo ein Zähler herunterläuft.
Das Datum ist weg, die Höhe bleibt
Als Normalfall muss sich die B09 an anderen Chronographen messen lassen statt an ihrer Stückzahl. Das bekommt ihr gut, weil das Werk einiges vorzuweisen hat. Handaufzug heißt, dass kein Rotor die Zugfeder spannt. Wer die Uhr voll aufziehen will, dreht laut Breitlings Anleitung etwa 40 Mal an der Krone, bis ein Widerstand spürbar wird. Die Gangreserve reicht danach für rund 70 Stunden, knapp drei Tage. Chronometer ist das Werk auch. Die COSC, die unabhängige Schweizer Chronometerkontrolle, prüft jedes Werk einzeln über gut zwei Wochen in mehreren Lagen und bei drei Temperaturen.
Bild: Breitling.
Durch das Saphirglas sieht man das Kaliber ohne Rotor davor, links oben die Hebel des Chronographen und das Säulenrad, ein kleines Zinnenrad, das die Befehle der Drücker verteilt. Vorne zählt der Chronograph, hinten sieht man ihm beim Denken zu.
Ein Datum hat die B09 nicht. Das Blatt profitiert davon, der Stundenzähler bei sechs Uhr bleibt frei von Ausschnitten. Dünner wird die Uhr dadurch allerdings nicht, Breitling nennt für die B09 wie für die Cosmonaute mit Datum dieselben 13 Millimeter. Das Datum ist weg, die Höhe ist geblieben.
Aufgeräumt im strengen Sinn ist das Blatt trotzdem nicht. Unter der Zwölf sitzt ein kleines MPH, auf der inneren Skala stehen KM, STAT und NAUT für die Umrechnung zwischen Kilometern, Land- und Seemeilen, dazu kommen die Teilstriche des Rechenschiebers rundherum. Wer eine Navitimer kauft, kauft dieses Gewimmel mit. Auf dem schwarzen Blatt wirkt es besser sortiert als auf dem blauen, wo die feinen Ziffern stärker mit dem Grund verschwimmen. Das kann auch an den Bildern liegen.
Ob 13 Millimeter bei 41 Millimetern Durchmesser flach wirken, bleibt offen. Ein Teil davon steckt im gewölbten Saphirglas über dem Blatt. Wie viel, verrät das Datenblatt nicht. Mit 30 Metern Wasserdichtigkeit und unverschraubter Krone bleibt die Uhr ohnehin ein Instrument für trockene Hände.
Bild: Breitling.
Die blaue Ausführung kommt an einem blauen Lederband, das Stahlband kostet bei beiden Farben 350 Euro mehr.
Zwölf gegen 24
Die zweite Neuheit ist die schwierigere Uhr. Die Navitimer B02 Chronograph 41 Cosmonaute zeigt die Zeit auf einem 24-Stunden-Zifferblatt. Der Stundenzeiger braucht einen ganzen Tag für eine Runde. Oben steht die 24 für Mitternacht, der Mittag gehört nach unten. Nach Breitlings Darstellung entstand die erste Cosmonaute auf Wunsch des Astronauten Scott Carpenter, der sie am 24. Mai 1962 auf seinem Orbitalflug trug. Die Marke führt sie seitdem als erste Schweizer Armbanduhr im All. Carpenters Kapsel Aurora 7 brauchte für eine Erdumrundung knapp anderthalb Stunden. Jede davon brachte eine eigene Nacht mit. Am Handgelenk half da eine Skala, auf der Mittag und Mitternacht nicht denselben Platz teilen.
Bild: Breitling.
Gestoppt wird auf der Cosmonaute trotzdem nach dem gewohnten Zwölferschema. Der Stundenzähler des Chronographen bei sechs Uhr endet wie bei der B09 bei zwölf. Carpenter wäre damit ausgekommen. Nach 4 Stunden und 56 Minuten wasserte Aurora 7 rund 460 Kilometer hinter dem Zielgebiet im Atlantik nordöstlich von Puerto Rico. Danach wartete er über eine Stunde in seinem Rettungsfloß auf die Bergung. Flug und Floß passen zusammen bequem auf den kleinen Zähler.
Auf dem großen Blatt fehlen drei Zahlen. Die 6, die 12 und die 18 liegen unter den Hilfszifferblättern, in der Skala des Stundenzählers hat außerdem das Datum die Sechs verdrängt. Den Mittag verdeckt ausgerechnet ein Zähler, der selbst nur bis zwölf kommt.
Das B02 beschreibt Breitling als Spezialkaliber für die Cosmonaute. Zuletzt steckte es auch in limitierten Ausführungen, etwa zur Mondmission Artemis II. Mit 10.000 Euro am Lederband kostet die Cosmonaute gut 2.500 Euro mehr als die B09, für eine andere Einteilung des Tages und ein Datum. Das ist viel Geld für eine Anzeige, die man im Alltag erst lesen lernen muss. Ich halte die Cosmonaute trotzdem für die folgerichtigere der beiden Uhren, weil man den Grund für ihr Werk auf dem Blatt sieht. Die B09 muss ihren Grund erst noch beweisen. Diesmal ohne Stückzahl im Rücken.
Wer künftig eine limitierte Navitimer mit B09 entdeckt, kann den Aufpreis auf der Lünette der Serienuhr ausrechnen. So viel zu tun hatte dieser Rechenschieber lange nicht.
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