Präzision trifft Robustheit – die Pilot’s Venturer Vertical Drive ersetzt die Krone durch Lünette und Kippschalter. Perfekt für Raumanzüge, sperrig im Alltag. Tradition neu gedacht.
Wie IWCs Raumfahrttuhr die Bedienung neu denkt
Die Krone hat in Schaffhausen fast fünf Jahrhunderte Uhrengeschichte überlebt und wird nun von einer Lünette arbeitslos gemacht. Bei der Pilot’s Venturer Vertical Drive Ref. IW328601 bleibt die Gehäuseseite bis auf einen Wippschalter glatt; aufgezogen und eingestellt wird durch Drehen der Lünette. IWC löst damit eine Frage, die am Schreibtisch einigermaßen exotisch klingt und im Raumanzug plötzlich vernünftig wird: Wie bedient man eine mechanische Uhr mit Handschuhen, in denen jeder Finger die Beweglichkeit einer Thermoskanne besitzt?
Die Venturer ist nicht die erste Toolwatch, die für den Weltraum entwickelt wurde oder dorthin gereist ist. Die Omega Speedmaster wurde bereits 1965 von der NASA für bemannte Raumflüge qualifiziert. Seikos Spring Drive Spacewalk entstand ausdrücklich für den Einsatz im All und wurde 2008 innerhalb und außerhalb der Internationalen Raumstation getragen. IWCs Leistung ist genauer und deshalb nicht weniger interessant: Die Venturer ist die erste Uhr der Schaffhausener, die von Grund auf für die bemannte Raumfahrt entwickelt und von Vast für die Bedingungen an Bord der geplanten Raumstation Haven-1 zertifiziert wurde. (Omega, Seiko, IWC)
Geflogen ist sie bislang noch nicht. Vast plant den Start von Haven-1 derzeit für 2027. Auch die Formulierung „erste kommerzielle Raumstation der Welt“ beschreibt ein Ziel, keinen bereits erreichten Status. (Vast)
Die Pilot’s Venturer Vertical Drive trägt ihr Raumfahrtkonzept offen zur Schau.
Wenn die Lünette zur Krone wird
Das Vertical-Drive-System ist zum Patent angemeldet; ein erteiltes Patent liegt bislang nicht vor. Ein Kupplungsmechanismus überträgt die Drehbewegung der äußeren Lünette auf die Aufzugswelle im Uhrwerk. Über den Wippschalter an der Gehäuseseite wählt der Träger, ob er aufziehen, die Missionszeit einstellen oder die zweite Zeitzone verändern möchte.
Das Werk kann auf zwei Arten mit Energie versorgt werden. Im normalen Betrieb übernimmt die integrierte Schwungmasse den automatischen Aufzug. Zusätzlich lässt sich die Zugfeder durch Drehen der Lünette gegen den Uhrzeigersinn spannen. Nach Angaben von IWC soll dieses hybride System auch in Mikrogravitation und Schwerelosigkeit effizient arbeiten. Eine tatsächliche Nutzung dieses Modells im Orbit ist bislang jedoch nicht dokumentiert. Die Aussage beschreibt daher den Entwicklungsanspruch und die absolvierten Bodentests, noch keine langjährige Weltraumerfahrung. (IWC)
Lünette und Wippschalter übernehmen die Aufgaben einer klassischen Krone.
Die Bedienung wurde durch mögliche künftige Außenbordeinsätze inspiriert. Das verlangt eine wichtige Einschränkung: Haven-1 selbst soll keine EVAs unterstützen. Die Handschuhbedienung ist deshalb nicht für einen geplanten Außenbordeinsatz dieser ersten Station erforderlich, sondern für spätere Szenarien gedacht. An Bord bleibt sie trotzdem sinnvoll, weil Raumanzüge, Arbeits- und Schutzhandschuhe kleine Kronen unnötig schwierig machen können.
Auf der Erde wirkt das System zunächst umständlicher als eine klassische Krone. Wer nur die Uhrzeit korrigieren möchte, muss zuerst den Schalter wählen und anschließend die Lünette drehen. Genau darin liegt aber die Konsequenz des Entwurfs. IWC optimiert nicht das vertraute Ritual, sondern ersetzt es durch eine Bedienung, die mit Handschuhen eine größere und besser greifbare Kontaktfläche bietet.
Zwei Zeiten für einen Tag mit sechzehn Sonnenaufgängen
Eine Raumstation in niedriger Erdumlaufbahn benötigt ungefähr 90 Minuten für eine Umrundung. Ihre Besatzung kann deshalb innerhalb von 24 Stunden bis zu 16 Sonnenaufgänge und ebenso viele Sonnenuntergänge erleben. Der natürliche Wechsel von Tag und Nacht taugt dort nicht zur Strukturierung von Arbeit und Schlaf. Raumfahrer orientieren sich stattdessen an UTC oder GMT und behalten den vertrauten 24-Stunden-Rhythmus der Erde bei.
Auf dem mattschwarzen Zifferblatt zeigt ein eigener Zeiger die Missionsreferenzzeit auf der äußeren Skala von 00:00 bis 24:00 Uhr an. Die zentralen Stunden- und Minutenzeiger laufen zunächst synchron dazu. Erst wenn der zentrale Stundenzeiger in Stundenschritten verstellt wird, entsteht die zweite Zeitzone für Heimat oder Landungsort. Die äußere Anzeige bleibt dabei auf der Missionsreferenz und verhindert, dass der sechzehnte Sonnenaufgang des Tages den Zeitplan vollends übernimmt. (IWC)
Das schwarze Blatt reduziert störende Reflexionen, kann sie physikalisch aber nicht vollständig verhindern. Grün leuchtendes Super-LumiNova sitzt an den Kanten der schwarzen Stunden- und Minutenzeiger. Die Spitze des 24-Stunden-Zeigers leuchtet blau. Sekundenzeiger und innerer Zifferblattring greifen denselben Blauton auf, der laut IWC an den Erdhorizont aus dem Orbit erinnern soll. Bei 3 Uhr befindet sich außerdem ein Datum.
Der äußere Zeiger zeigt die Missionszeit im 24-Stunden-Format.
Im Inneren arbeitet das neu entwickelte IWC-Manufakturkaliber 32722 mit integriertem GMT-Modul. Das Automatikwerk schwingt mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, besitzt 21 Steine und bietet 120 Stunden Gangreserve. Die zentrale Sekunde lässt sich beim Einstellen anhalten. Fünf Tage Reserve sind nicht nur auf Reisen bequem. Sie schaffen auch Spielraum, wenn der automatische Aufzug unter ungewöhnlichen Bewegungsbedingungen weniger Energie liefert als im Alltag auf der Erde.
Gebaut für Belastungen, die noch vor dem Orbit beginnen
Das Gehäuse besteht aus weißer Zirkonoxidkeramik, während Lünette und Boden aus Ceratanium gefertigt werden. Das von IWC entwickelte Material verbindet eine Titanlegierung mit einer keramisierten Oberfläche. Die Kombination ist leicht, korrosionsbeständig und kratzfest. Das integrierte weiße Armband besteht aus FKM-Kautschuk, der Wärme isoliert sowie gegen UV-Strahlung und viele chemische Einflüsse beständig ist.
IWC verweist auf Oberflächentemperaturen, die in direkter Sonneneinstrahlung mehr als 100 Grad Celsius erreichen und im Schatten auf etwa minus 150 Grad fallen können. Im Vakuum gibt es allerdings keine Außentemperatur im irdischen Sinn. Entscheidend ist, wie stark sich ein Material durch Strahlung aufheizt oder ohne Sonneneinstrahlung Wärme abgibt. Die genannten Werte beschreiben daher mögliche Temperaturen exponierter Oberflächen und keinen abrupten Wechsel der Umgebungsluft.
Lünette und Gehäuseboden bestehen aus Ceratanium.
Die öffentlich beschriebenen Qualifikationstests konzentrierten sich auf die Belastungen beim Start und auf die Sicherheit innerhalb von Haven-1. Vast befestigte die Uhr auf einem Vibrationstisch und prüfte sie entlang aller drei Achsen mit Beschleunigungen von bis zu 9,56 gRMS, von IWC auf 10 g gerundet. Nach jedem Durchgang wurde kontrolliert, ob die Uhr unbeschädigt geblieben war und sich weiterhin aufziehen und einstellen ließ.
In einer Druckkammer simulierten die Ingenieure den Verlust von ungefähr der Hälfte des atmosphärischen Drucks innerhalb von 50 Sekunden. Das Saphirglas blieb sicher im Gehäuse. Zusätzlich untersuchte Vast die Materialverträglichkeit für die geschlossene Stationsumgebung. Dabei spielen auch potenzielle Ausgasungen flüchtiger organischer Verbindungen eine Rolle, weil solche Stoffe die Besatzung oder die Filtersysteme belasten können. (IWC Testbericht, Vast)
Vast testete die Uhr auf Vibrationen, Druckveränderungen und Materialverträglichkeit.
Die daraus hervorgegangene Zertifizierung gilt für die von Vast definierten Bedingungen der Haven-1-Umgebung und die Verwendung durch deren Besatzung. Sie ist keine behördliche Raumfahrtzulassung und keine Qualifikation durch NASA oder ESA. Zudem ist Vast nicht nur Prüfer, sondern Entwicklungs- und Markenpartner von IWC. Die Tests sind konkret dokumentiert, bleiben aber Teil einer Vast-Zertifizierung.
Spezialwerkzeug statt Alleskönner
Mit 44,3 Millimetern Durchmesser und 16,7 Millimetern Höhe ist die Venturer keine unauffällige Reiseuhr. Ihre 10 bar Wasserdichtigkeit wirken im Verhältnis zum Raumfahrtaufwand fast gewöhnlich, genügen aber für einen robusten Alltag auf der Erde. Das beidseitig entspiegelte, gewölbte Saphirglas ist zusätzlich gegen ein Herausspringen bei plötzlichem Druckabfall gesichert.
Die fehlende Krone ist keine universelle Verbesserung für jede mechanische Uhr. Eine klassische Krone bleibt kleiner, vertrauter und für viele Handgelenke eleganter. Die Venturer löst ein enger definiertes Problem und nimmt dafür Größe, Komplexität und eine ungewohnte Bedienfolge in Kauf. Darin liegt ihre eigentliche Stärke. Sie simuliert nicht mit einem Logo oder einer Gravur die Nähe zur Raumfahrt, sondern verändert Aufbau, Anzeige und Bedienung für einen möglichen Einsatz jenseits der Erde.
Ob das Konzept im Orbit ebenso überzeugend funktioniert wie auf dem Prüfstand, zeigt erst eine tatsächliche Mission. Bis dahin ist die Pilot’s Venturer Vertical Drive ein ernsthaft entwickeltes und von Vast für Haven-1 qualifiziertes Werkzeug, aber noch keine weltraumerprobte Uhr. Ihren interessantesten Beitrag leistet sie schon auf der Erde: IWC machte die Krone nicht handschuhtauglicher, sondern schickte sie ohne Abfindung nach Hause.
Weiterlesen
Breitling
Breitling Navitimer B09 und Cosmonaute: Die Lünette rechnet gegen die Limitierung
Breitling holt das Handaufzugskaliber B09 in die Kernkollektion und stellt eine Cosmonaute mit B02 daneben. Die Serien-Navitimer rechnet auf der eigenen Lünette vor, was die bisherige Limitierung gekostet hat.
Yema
Yema Spacegraf Heure Sidérale: Hier geht der Himmel vor
Die Sternscheibe der Yema Spacegraf Heure Sidérale geht jeden Tag knapp vier Minuten vor, astronomisch korrekt. Nachweisen lässt sich das nur mit Taschenrechner und Jahresgeduld, denn die Scheibe weiß, wie schnell sich der Himmel dreht, aber nicht, wo er steht.