Die Lange Triple Split kommt in Platin: 567 Werkteile, drei Schleppzeiger und zwölf Stunden Zeitvergleich. Warum diese Übertreibung so begehrenswert ist.
Für die neue Triple Split hätte ich sofort einen Einsatzplan, dessen Vernünftigkeit ungefähr bis zur Anreise reicht. Ich würde mich an die Ziellinie eines Marathons stellen und die Zeiten zweier Läufer vergleichen. Während die beiden über Stunden ihren Kreislauf beleidigen, müsste ich nur gelegentlich einen Drücker betätigen. Der Erste bekäme eine festgehaltene Zeit, der Zweite etwas später seine eigene, und ich hätte endlich einen Anlass gefunden, 567 Werkteile aus Glashütte spazieren zu führen. Vermutlich würde neben mir jemand mit einer Plastikstoppuhr stehen und verständnisvoll nicken, wie man Menschen zunickt, denen man besser nicht widerspricht.
Bislang beschränkt sich diese Unternehmung auf die Herstellerbilder, was meinen Kontostand erfreuen dürfte. Dort tritt die neue Platinversion der A. Lange & Söhne Triple Split in einer Farbkombination auf, der man eher die Verwaltung eines Stiftungsvermögens als einen mechanischen Exzess zutraut. Das helle Blatt trägt graue Hilfszifferblätter, die blauen Zeiger halten sich an ihre Aufgaben, und das braune Lederband sieht aus, als habe es noch nie einen unüberlegten Kauf begleitet. Eine ausgesprochen glaubwürdige Tarnung für das, was unter dem Glasboden wartet.
Denn hinten windet sich ein Hebel unter einer Brücke hindurch, dahinter taucht ein Rad auf, und noch eine Etage tiefer verschwindet der Blick zwischen weiteren Teilen. Bei den Werkfotos möchte ich ständig um eine Ecke schauen, um zu verstehen, wo der gerade entdeckte Weg weiterführt. Für diese Art von Verführung bin ich deutlich empfänglicher als für einen prominenten Menschen, der eine Uhr neben seinem Gesicht parkt. Die Triple Split braucht niemanden, der auf sie zeigt. Sie beschäftigt mich auch so schon länger, als für eine vernünftige Neuheitenmeldung vorgesehen wäre.

Platin, Grau und braunes Leder: Die neue Triple Split überlässt das Spektakel ihrem Innenleben. Bild: A. Lange & Söhne.
Unauffällig ist hier eine Preisklasse
Dabei hat Lange die Uhr für diesen Auftritt keineswegs neu erfunden. Die Triple Split erschien 2018 in Weißgold mit grauem Zifferblatt, 2021 folgte Rotgold mit Blau. Nun kommt die dritte Ausführung, limitiert auf 100 Exemplare, mit einem Gehäuse aus 950er Platin und rhodiéfarbenem Blatt. Unter dieser neuen Garderobe arbeitet weiterhin das Kaliber L132.1. Wer schon die früheren Versionen kannte, muss deshalb weder seine Kenntnisse entsorgen noch eine nachträglich erfundene Revolution beklatschen.
Normalerweise wäre „jetzt in einer anderen Farbe“ ungefähr der Punkt, an dem ich nach dem verbleibenden Kaffee sehe. Hier bleibe ich hängen, weil die Kombination für mich den Charakter verändert. Beim Rotgold der vorherigen Version konnte selbst ein unbeteiligter Tischnachbar ahnen, dass die Uhr nicht aus einer Vertragsverlängerung beim Mobilfunkanbieter stammte. Platin behandelt diese Information diskreter. Der Wohlstand muss nicht mehr quer über den Tisch rufen; er kann warten, bis sich jemand auskennt.
Gestalterisch bekommt diese Zurückhaltung der Uhr ausgesprochen gut. Die dunkleren Hilfszifferblätter für kleine Sekunde und Stoppminuten geben dem hellen Blatt Halt, während Stundenzähler und Gangreserve oben und unten die Anordnung ergänzen. Die drei gebläuten Schleppzeiger heben sich als zusammengehörige Gruppe ab. Dazwischen stehen ein paar rote Akzente, als habe jemand in einer untadeligen technischen Zeichnung noch drei Stellen angestrichen, bevor er sie endgültig freigibt.
Besonders gern sehe ich dazu das dunkelbraune Alligatorleder. Es bringt Wärme an das kühle Gehäuse, ohne aus dem Chronographen gleich eine Sportausrüstung machen zu wollen. Mit einem grellen Band müsste diese Uhr vermutlich auch noch so tun, als führe sie jedes Wochenende selbst die Alpenpässe ab. Das braune Leder erlaubt ihr, den Schlüssel höflich an den Chauffeur zurückzugeben und trotzdem die Rundenzeiten zu kennen.
Wer zuerst kommt, wird festgehalten
Zurück an die gedachte Ziellinie, denn dort lässt sich besser erklären, wofür dieser Aufwand gut ist. Die Triple Split stoppt nicht, wie ihr Name vermuten lassen könnte, drei Rennen unabhängig voneinander. Sie besitzt drei Zeigerpaare für Stoppsekunden, Stoppminuten und Stoppstunden. Jeweils ein Zeiger gehört zum Chronographen, sein blauer Partner lässt sich zum Ablesen einer Zwischenzeit anhalten. So bleiben zwei vom selben Startpunkt aus gemessene Zeiten auch über mehrere Stunden vergleichbar.
Meine beiden Läufer wären gemeinsam gestartet. Der Erste käme nach drei Stunden, zwölf Minuten und 18 Sekunden ins Ziel und dürfte sich endlich mit der Frage beschäftigen, weshalb er für diese Erfahrung auch noch ein Startgeld bezahlt hat. Ein Druck bei zehn Uhr würde seine Zeit mit den drei blauen Zeigern festhalten, während die anderen weiterzählen. Wenn der Zweite nach drei Stunden, 16 Minuten und 41 Sekunden einträfe, bliebe über den Drücker bei zwei Uhr auch der Chronograph stehen. Beide Ergebnisse wären ablesbar, der Abstand von vier Minuten und 23 Sekunden allerdings noch selbst auszurechnen. Nach so viel sächsischer Vorarbeit dürfte ein wenig Kopfrechnen zumutbar sein.
Für eine Zwischenzeit unterwegs müsste ich nach dem Ablesen noch einmal bei zehn Uhr drücken. Dann holen die blauen Zeiger ihre Partner ein und laufen wieder mit, bereit für den nächsten Vergleich. Die zuvor abgelesene Zeit muss man sich merken oder notieren, denn beim Aufholen verschwindet sie vom Blatt. Die Triple Split erlaubt solche Vergleichsmessungen über bis zu zwölf Stunden, nimmt ihrem Besitzer aber nicht die gesamte Aufmerksamkeit ab. Dafür ist es viel zu schön, den Zeigern beim Trennen und Wiederzusammenfinden zuzusehen.
Mein Nachbar mit der Plastikstoppuhr hätte vermutlich längst sämtliche Ergebnisse gespeichert, während ich noch begeistert auf einen eingeholten Zeiger schaue. Er hätte die praktischere Lösung gewählt, was ich ihm ohne jede Mühe zugestehen könnte. Mich fasziniert an der Lange, dass ein längst vergangener Moment sichtbar stehen bleibt, während daneben die Gegenwart weiterläuft. Für diese kleine Vorstellung bezahlt man einen Aufwand, der sich mit dem Ergebnis allein niemals rechtfertigen ließe. Wer beim Ballett nur wissen möchte, auf welcher Bühnenseite die Tänzer am Ende ankommen, wird am Eintrittspreis ebenfalls verzweifeln.

Die blauen Schleppzeiger halten Sekunden, Minuten und Stunden einer Zwischenzeit fest, während ihre rhodinierten Partner weiterzählen können. Bild: A. Lange & Söhne.
Trennung auf höchstem Kostenniveau
Dass die Zeiger so gesittet auseinandergehen, ist keineswegs selbstverständlich. Unter dem Blatt muss sich ein Teil des Mechanismus anhalten lassen, ohne den weiterlaufenden Teil unnötig zu bremsen. Andernfalls würde die Unruh mit geringerer Schwingungsweite für eine Trennung bezahlen, an der sie selbst gar nicht beteiligt war. Ein durchaus vertrautes Problem, nur werden hier zum Glück keine Anwälte gebraucht.
Lange begegnet diesem Problem mit einem patentierten Isolator-Mechanismus. Bei angehaltenen Schleppzeigern werden auf der Sekunden- und Minutenachse Hebel von den weiterdrehenden herzförmigen Kurvenscheiben getrennt. Das vermeidet die Reibung, die dort sonst beim Gleiten entstehen würde. Auf der langsam laufenden Stundenachse ist eine solche Vorrichtung wegen der dort vernachlässigbaren Verluste nicht nötig.

Unter dem ruhigen Zifferblatt liegen Hebel, Räder und Brücken dicht übereinander. Detail des Kalibers L132.1, Herstelleraufnahme von 2018. Bild: A. Lange & Söhne.
An diesem unscheinbaren Detail hängt für mich ein beträchtlicher Teil der Faszination. Zusätzliche Zeiger bekommt man auf einem Pressefoto mühelos unter; die Reibung, die ihre Mechanik erzeugt, lässt sich nicht mit einer besseren Ausleuchtung beseitigen. Lange musste die Folgen der eigenen Übertreibung konstruktiv abarbeiten. Unter diesem Glasboden darf sich offenbar niemand mit dem Hinweis davonschleichen, für die Schwierigkeiten sei eine andere Abteilung zuständig.
Sogar der Finger bekommt Arbeit abgenommen. Die Flyback-Funktion setzt die laufenden Stoppzeiger mit dem Drücker bei vier Uhr auf null; beim Loslassen beginnt die nächste Messung. Das separate Stoppen, Nullstellen und erneute Starten entfällt. In der Maschine wird also beträchtlicher Aufwand betrieben, damit der Mensch einen Handgriff spart. Man könnte von einer sehr luxuriösen Form der Personalentlastung sprechen.
Wie hartnäckig Lange dieses Thema verfolgt, zeigt der Double Split von 2004, der bereits Sekunden und bis zu 30 Minuten vergleichbar machte. Mit der Triple Split kamen später die Stunden hinzu. Aus der eigentlich naheliegenden Frage, ob das nicht noch länger gehen könnte, wurde eine weitere Ebene mechanischer Aufgaben. Man ahnt, weshalb in Glashütte vermutlich nicht jede beiläufige Frage beim Mittagessen auf allgemeine Begeisterung stößt.
Das Vermögen liegt eine Etage tiefer
Mit diesem Wissen kehre ich zu der Rückseite zurück, an der mein Blick schon beim ersten Durchsehen hängen geblieben ist. Das Handaufzugswerk organisiert seine 567 Einzelteile in mehreren Ebenen, und plötzlich bekommt das vermeintliche Gewimmel einen Zusammenhang: Irgendwo in dieser Landschaft wird getrennt, festgehalten, freigegeben und wieder eingeholt. Die gebläuten Schrauben und goldenen Fassungen erleichtern dem Auge die Orientierung, während die überlagernden Brücken und Hebel ständig einen Teil des Geschehens verbergen.
Als Konstruktion wäre das schon sehenswert, doch Lange hat auch noch jene Oberflächen bearbeitet, an denen ein flüchtiger Blick kaum hängen bleibt. Fünf verschraubte Goldchatons, Brücken aus naturbelassenem Neusilber, polierte Fasen und ein von Hand gravierter Unruhkloben gehören zur Ausstattung des L132.1. Die geraden Schliffe auf den Hebeln treffen auf die Streifen der Brücken und spiegelnde Kanten. Selbst ein Bauteil, dessen Beruf im Wesentlichen darin besteht, ein anderes festzuhalten, scheint hier noch einen Termin beim Maßschneider bekommen zu haben.

Kaliber L132.1: 567 Einzelteile, mehrere Ebenen und reichlich Anlass, die Uhr umzudrehen. Bild: A. Lange & Söhne.
Was mich daran packt, ist die Verbindung zwischen Aufgabe und Ausführung. Diese Teile wurden nicht allein dort platziert, weil an der betreffenden Stelle noch ein dekorativer Akzent fehlte. Ein Hebel muss etwas erreichen, ein Rad braucht seinen Platz, eine Brücke hält die Konstruktion zusammen. Die Formen erzählen davon, bevor ihre Oberflächen überhaupt ins Licht geraten. Wer so etwas vorzeigen kann, müsste mir eigentlich keine weitere Geschichte verkaufen. Ich wäre mit einer Lupe bereits ausreichend beschäftigt.
Die Limitierung auf hundert Exemplare steht trotzdem am Rand des Gehäusebodens, wo sie meinetwegen bleiben darf. Meine Begeisterung wäre nicht geringer, wenn dort eine andere Zahl stünde. Die Zahl der Menschen, die etwas nicht bekommen können, sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie gut es gemacht ist. Bei dieser Uhr lohnt es sich, ein paar Millimeter weiter nach innen zu schauen, bevor man mit der üblichen Arithmetik der Begehrlichkeit anfängt.
An der Manschette endet die Zurückhaltung
Irgendwann müsste die Uhr natürlich auch wieder mit dem Zifferblatt nach oben ans Handgelenk, und dort ließe sich die Zurückhaltung ihrer Farben nicht mit der ihrer Abmessungen verwechseln. 43,2 Millimeter Durchmesser und 15,6 Millimeter Höhe verlangen Platz. Unter einem knappen Hemdärmel dürfte dieses kleine Mehrfamilienhaus der Mechanik ähnlich diskret verschwinden wie ein Konzertflügel im Treppenhaus. Irgendjemand müsste nachgeben, vermutlich der Hemdenkäufer.

Die schräge Ansicht zeigt die Gehäuseflanke und den Schleppzeigerdrücker bei zehn Uhr. 15,6 Millimeter Höhe lassen sich auch mit Platin nicht kleinreden. Bild: A. Lange & Söhne.
Mich stört die Höhe angesichts dieser Konstruktion weniger als bei manchem gewöhnlichen Chronographen. Nach dem Blick durchs Werk versteht man zumindest, wer die Räume belegt. Ob die große Platinuhr angenehm sitzt, würde trotzdem erst eine Anprobe zeigen. Begeisterung macht einen Gehäuserand nicht weicher, auch wenn Uhrenfreunde in dieser Disziplin gelegentlich erstaunliche Selbstheilungskräfte entwickeln.
Die Referenz 424.025F bietet 55 Stunden Gangreserve, wird von Hand aufgezogen und schließt ihr Lederband mit einer Platin-Faltschließe. Den Preis nennt Lange auf Anfrage, sodass zwischen Begeisterung und Ernüchterung wenigstens noch ein persönlicher Kontakt vorgesehen ist. Immerhin muss die Uhr für ihren Unterhalt nicht täglich einen Marathon begleiten; gelegentliches Aufziehen genügt dem Federhaus.
Mein gedachter Einsatz an der Ziellinie würde wahrscheinlich ohnehin anders enden als geplant. Der Nachbar mit der Plastikstoppuhr hätte die Ergebnisse, die Läufer ihre Getränke, und ich würde noch immer erklären, weshalb drei blaue Zeiger gemeinsam stehen bleiben können. Spätestens beim Isolator-Mechanismus dürfte sich die Runde merklich verkleinern. Das wäre der Moment, in dem ich die Uhr umdrehen würde, um wenigstens einem verbliebenen Zuhörer zu zeigen, weshalb mich die Sache nicht loslässt.
Bei vielen teuren Uhren ist die Geschichte irgendwann größer als das, was man tatsächlich vor sich hat. Hier komme ich mit dem Erzählen kaum hinterher, weil unter jeder Brücke noch etwas wartet, das eine weitere Frage auslöst. In der neuen Platinversion gefällt mir dieser Gegensatz besonders: Das nüchterne Gesicht gibt sich mit der Uhrzeit und ein paar Messergebnissen zufrieden, während hinten der gesamte Aufwand sichtbar wird, den sich jemand dafür erlaubt hat.
Die beiden Läufer wären dann längst auf dem Heimweg. Ausgerechnet der Mann mit der teuersten Stoppuhr hätte wieder einmal die Zeit vergessen.
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