Patek Philippe: 50 Jahre Nautilus und kein Land in Sicht
Patek Philippe: 50 Jahre Nautilus und kein Land in Sicht
1976 wollte Patek Philippe beweisen, dass Stahl kostbar sein kann. Fünfzig Jahre später beweist die Nautilus, dass sie nicht einmal mehr Stahl braucht.
Patek Philipp Nautilus
Als Patek Philippe 1976 die Ref. 3700/1A vorstellte, widersprach sie fast allem, womit die Genfer Manufaktur ihren Ruf aufgebaut hatte. Sie war groß, sportlich und aus Edelstahl, also aus einem Werkstoff, der eher mit Werkzeugen und deutlich günstigeren Uhren verbunden wurde als mit den kostbarsten Erzeugnissen der Haute Horlogerie. Ihr Preis ließ sich nicht wie bei einer schweren Golduhr am Material ablesen. Er musste durch die Uhr selbst glaubwürdig werden.
Auch ihre Entstehungsgeschichte besitzt die richtige Portion Unvernunft. Gérald Genta erzählte, er habe während der Basler Uhrenmesse in einem Restaurant Mitarbeiter von Patek am Nebentisch beobachtet, sich Papier und Bleistift geben lassen und innerhalb weniger Minuten die Grundform einer neuen Sportuhr gezeichnet. Wie viel davon Erinnerung und wie viel längst zur Legende geronnene Anekdote ist, lässt sich heute kaum auseinandernehmen. Die Silhouette dagegen ist geblieben. (Gérald Genta Heritage)
Die Ref. 3700/1A war groß, flach und besaß ein Gehäuse, das eher an ein Schiffsfenster erinnerte als an die feinen runden Golduhren, mit denen Patek seinen Ruf aufgebaut hatte. Die Werbung fasste den Widerspruch in einem Satz zusammen: „One of the world's costliest watches is made of steel.“ (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Der Slogan formulierte eine neue Definition von Wert. Wenn das kostbare Material wegfiel, mussten Gestaltung, Konstruktion, Verarbeitung und der Name auf dem Zifferblatt den Preis erklären. Fünfzig Jahre später hat sich diese Gleichung noch einmal verschoben. Die Nautilus löste Luxus zunächst vom Materialwert und wurde schließlich zum vollkommenen Symbol des Zugangsluxus. Wertvoll ist heute nicht mehr nur, woraus sie besteht oder wie sie gemacht ist, sondern wer sie überhaupt bekommen darf.
Patek Philippe Nautilus Ref. 3700/1A / Quelle: Patek Philippe
Als Präzision plötzlich aus Japan kam
Die Geschichte der Nautilus beginnt sieben Jahre früher, am 25. Dezember 1969, als Seiko die Quartz Astron 35SQ auf den Markt brachte. Die erste kommerziell erhältliche Quarzarmbanduhr kostete 450.000 Yen, mehr als viele gängige Autos jener Zeit. Billig war an ihr also zunächst gar nichts, präzise dagegen sehr viel. Seiko gab eine Abweichung von lediglich ±5 Sekunden pro Monat an, womit die Astron ungefähr hundertmal genauer war als eine typische mechanische Armbanduhr der Epoche. (Seiko)
Seikos Astron von 1969 / Quelle: Seiko
Die eigentliche Bedrohung steckte deshalb nicht in dieser ersten Astron, sondern in der Skalierbarkeit ihrer Technik. Quarzwerke wurden kleiner, günstiger und massentauglich. Was zuvor die wichtigste Rechtfertigung für eine gute mechanische Uhr gewesen war, nämlich möglichst präzise die Zeit anzuzeigen, ließ sich plötzlich mit Elektronik besser erledigen.
Für die Schweizer Industrie folgten Jahre, die man im Rückblick gern mit einem einzigen dramatischen Begriff abräumt: Quarzkrise. Tatsächlich war es eher eine strukturelle Abrissbirne. Hersteller verschwanden, Arbeitsplätze gingen verloren, ganze Geschäftsmodelle mussten neu gedacht werden.
Patek Philippe reagierte eigensinnig. Das Haus versuchte nicht, japanische Massenware zu unterbieten. Stattdessen beschäftigte es sich mit einer Kundschaft, deren Leben sich ebenfalls verändert hatte. Reisen, Freizeit und Sport gewannen an Bedeutung. Philippe Stern war selbst begeisterter Segler. Eine Uhr für dieses Leben durfte robuster sein, entspannter aussehen und trotzdem Patek bleiben. In der offiziellen Rückschau beschreibt die Manufaktur selbst genau diese gesellschaftliche Verschiebung als einen Hintergrund für die Entstehung der Nautilus. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Aus der Krise entstand also keine Rettungsuhr. Die Nautilus hat Patek nicht im Alleingang vor Quarz bewahrt. Sie war der Versuch, mechanischen Luxus neu zu erklären, nicht über Gold oder eine möglichst komplizierte Anzeige, sondern über Gestaltung, Konstruktion und Verarbeitung.
Gérald Genta hatte noch eine zweite Idee
Die Nautilus wirkt heute so selbstverständlich, dass man leicht vergisst, wie wenig selbstverständlich ihr Erfolg war. Gérald Genta hatte in den siebziger Jahren mehrere Uhren mit integrierten Metallbändern und eigenständigen Gehäuseformen entworfen. Die Royal Oak von Audemars Piguet war bereits 1972 erschienen. 1976 folgte neben der Nautilus auch die IWC Ingenieur SL Ref. 1832.
Gérald Gentas IWC Ingenieur SL Ref. 1832 / Quelle: IWC
Heute wirkt die Ingenieur SL wie eine sichere Eintrittskarte ins Museum für große Uhrendesigns. Damals wollte kaum jemand hinein. Zwischen 1976 und 1983 wurden laut IWC lediglich 598 Exemplare produziert und verkauft. Der Hersteller nennt diese Episode heute „The most brilliant failure“, auf Deutsch den brillantesten Misserfolg. (IWC)
Fast zeitgleich also zwei Entwürfe desselben Designers, beide teuer, beide aus Stahl, beide mit integriertem Band. Der eine wird zum wirtschaftlichen Randphänomen, der andere irgendwann zu einer der begehrtesten Uhren der Welt.
Design allein garantiert also gar nichts. Die beiden Uhren zeigen vielmehr, was später über den Erfolg der Nautilus entschied: eine unverwechselbare Form, die Autorität einer starken Marke, jahrzehntelange Kontinuität und schließlich eine Nachfrage, die das verfügbare Angebot weit überstieg. Genta lieferte den Entwurf, doch erst Patek und die Sammler machten daraus ein gesellschaftliches Zeichen.
Fünf Minuten für die Form, zwei Jahre für die Uhr
Die bekannte Restaurantgeschichte erweckt den Eindruck, mit Gentas Zeichnung sei die Nautilus im Wesentlichen fertig gewesen. Für die Silhouette mag das stimmen, für die Uhr nicht. Philippe Stern erinnerte sich später, dass ihn der Vorschlag zunächst keineswegs überzeugte. Patek entschied sich erst nach einiger Zeit für einen Prototyp, und erst dieser Prototyp gab den Ausschlag für die Serienfertigung. Zwischen einer guten Linie auf Papier und einer bis 120 Meter wasserdichten Uhr lag ein erheblicher Teil der eigentlichen Arbeit. (Patek Philippe Magazine)
Der langjährige Patek-Gehäusekonstrukteur Jean-Pierre Frattini beschrieb später Schwierigkeiten an jener seitlichen Fuge, die das Gehäuse optisch so unverwechselbar machte. Die Dichtung saß weiter innen. Eindringende Feuchtigkeit konnte sich dadurch in einem Zwischenraum sammeln, obwohl das Werk selbst geschützt blieb. Hinzu kam eine Fertigung, bei der Gehäuseteile noch nicht beliebig austauschbar waren. Zusammengehörige Komponenten wurden nummeriert, Zifferblätter und Gläser mussten mitunter individuell angepasst werden. Die elegante Einfachheit war also das Ergebnis beträchtlicher handwerklicher Umständlichkeit. (Patek Philippe Magazine)
1975 trug Gérald Buchs, damals bei Patek für die Entwicklung neuer Uhren verantwortlich, einen funktionsfähigen Prototyp. In Zermatt tauchte er ihn nach eigener Erinnerung in Brunnen und Bäche und legte ihn anschließend in die Sonne, um unter dem Glas nach Kondenswasser zu suchen. Der Versuch war wenig normiert, aber erfolgreich. Ein Jahr später erschien die Ref. 3700/1A. Die reale Entstehungsgeschichte ist damit interessanter als die Fünfminutenlegende: Der Instinkt zeichnete das Bullauge, doch Konstrukteure, Gehäusemacher und Uhrmacher mussten ihm erst beibringen, dicht zu halten. (Patek Philippe Magazine)
Ref. 3700/1A: Wie Konstruktion den Materialwert ersetzte
Die berühmten seitlichen „Ohren“ der Nautilus waren nie bloß Dekoration. Das ursprüngliche Gehäuse der Ref. 3700 bestand aus zwei Teilen, und Patek verglich die seitlichen Ausformungen selbst mit den Scharnier- und Verriegelungselementen klassischer Bullaugen auf Ozeandampfern. Während herkömmliche Uhrengehäuse häufig dreiteilig aufgebaut waren, verzichtete die frühe Nautilus auf einen separaten Gehäuseboden. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Die maritime Idee blieb dadurch kein aufgesetztes Gestaltungsthema, denn die Konstruktion selbst spielte Bullauge. Das Ergebnis war bis 120 Meter wasserdicht, was für Patek Philippe und für eine so flache Luxusuhr im Jahr 1976 ausgesprochen bemerkenswert war. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Patek Philippe Publikation Ref. 3700/1A / Quelle: Patek Philippe
Die Ref. 3700 bekam deshalb schnell ihren Spitznamen „Jumbo“. Patek selbst beschreibt sie rückblickend als für ihre Epoche ungewöhnlich voluminös. Zugleich blieb das Gehäuse bemerkenswert schlank.
Im Inneren arbeitete das automatische Kaliber 28-255 C, dessen technische Basis auf das ultraflache Jaeger-LeCoultre 920 zurückging. Diese Konstruktion fand in unterschiedlichen Ausführungen auch bei Audemars Piguet und Vacheron Constantin Verwendung. Die Nautilus zeigte Stunde, Minute und Datum, aber keine Zentralsekunde, denn mehr musste diese Uhr nicht anzeigen.
Das Zifferblatt trug bereits jene horizontale Prägung, die später so selbstverständlich zur Nautilus gehören sollte wie die seitlichen Ausformungen des Gehäuses. Patek bezeichnet den ursprünglichen Farbton als blau getöntes Anthrazit. Dazu kamen applizierte Leuchtindizes und die Mischung aus satinierten und polierten Oberflächen, die der Uhr ihre eigentliche Komplexität gab. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Sie war aus Stahl, ohne nach Werkzeug auszusehen, wasserdicht, ohne ein Taucherinstrument zu sein, und teuer, ohne ihren Preis mit Gold zu erklären. Noch war die Begründung für diesen Preis vollständig im Gegenstand zu finden. Das flache Werk, die aufwendigen Oberflächen, das konstruierte Bullauge und die erkennbare Handarbeit sollten beweisen, dass Wert nicht im Metall stecken musste. Ihr Regelbruch bestand in dieser schwer einzuordnenden Mischung.
Warum der Name besser ist, als er zunächst klingt
Der Name Nautilus kam nicht aus einer jener Sitzungen, in denen ein Flipchart nach zwei Stunden irgendwann „Authentic Ocean Lifestyle“ sagt.
Patek verweist selbst auf zwei Inspirationsquellen: den Nautilus als Kopffüßer mit seiner charakteristischen Spiralschale und Kapitän Nemos Unterseeboot aus Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Nautilus pompilius / Quelle: Wikimedia Commons
Zusammen mit der Bullaugenkonstruktion ergibt das eine ungewöhnlich geschlossene Geschichte. Hier wurde nicht erst ein maritimer Name auf eine fertige Uhr geklebt. Form, Konstruktion und Bezeichnung erzählen dieselbe Idee.
Deshalb wirkt die Nautilus nach fünfzig Jahren noch immer wie ein Original, während viele ihrer Nachfahren wie Referenzen auf dieses Original erscheinen.
Wie aus einem Modell eine unverwechselbare Familie wurde
Patek machte aus der Nautilus nicht sofort eine Produktfamilie mit zwölf Farben, vier Materialien und einer Sonderedition für jedes Wochenende. Stattdessen verlief ihre Entwicklung erstaunlich langsam.
1980 erschien mit der Ref. 4700/51J eine kleinere Damen-Nautilus. 1981 folgten laut Pateks eigener Chronologie die Ref. 3800/1 und die Ref. 3900/1 als kompaktere Modelle. Wichtig ist die Unterscheidung: Die Ref. 3800 war die automatische Midsize-Variante, während die kleinere Ref. 3900 mit Quarzwerk angeboten wurde. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Patek Philippe Nautilus 3800/1A / Quelle: Patek Philippe
Die Ref. 3800 war nicht bloß eine geschrumpfte 3700. Ihr 37,5 Millimeter großes Gehäuse erhielt eine Zentralsekunde, und mit dem Kaliber 335 SC arbeitete erstmals ein von Patek entwickeltes Automatikwerk in dieser Linie. Während ihrer rund 25 Jahre langen Bauzeit entstanden vier Werkserien. Auf das frühe 335 SC folgte eine Version mit Datumsschnellschaltung, später kamen Varianten des Kalibers 330 SC hinzu. Diese lange, technisch keineswegs einheitliche Laufzeit erklärt, weshalb pauschale Daten zur Ref. 3800 häufig falsch sind. Das Referenzzeichen bezeichnet eine Familie innerhalb der Familie, nicht über ein Vierteljahrhundert dieselbe Uhr. (Phillips, Christie's)
1996 erschienen Modelle mit römischen Ziffern, darunter die Ref. 3800/1JA. Im selben Jahr kam laut Patek erstmals eine Nautilus am Lederband, ein Konzept, das ein Jahr später mit der Aquanaut eine eigene Familie bekommen sollte. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
1998 wurde die Ref. 3710/1A vorgestellt. Sie brachte erstmals eine zusätzliche Anzeige in die Nautilus, einen sogenannten Aufzugszonenindikator. Patek bezeichnet sie deshalb in seiner eigenen Historie als erste komplizierte Nautilus. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Patek Philippe Nautilus Ref. 3710/1A / Quelle: Patek Philippe
2004 brachte die Ref. 3711/1G die großen Proportionen der ursprünglichen Nautilus in Weißgold und mit Zentralsekunde zurück. Hinter ihrem Saphirglasboden arbeitete das Kaliber 315 SC. Damit nahm diese seltene Übergangsreferenz zwei Merkmale vorweg, die kurz darauf mit der 5711 bekannter werden sollten. Sie blieb ein kurzes Zwischenspiel, ist rückblickend aber das fehlende Bindeglied zwischen der 3700 und der 5711. Ein Jahr später folgte die Ref. 3712/1A mit Mondphase und Gangreserve. Das asymmetrische Zifferblatt hätte auf beinahe jeder anderen Uhr wie eine schlechte Idee ausgesehen, entwickelte sich auf der Nautilus aber zu einem ihrer eigenständigsten Gesichter. (Patek Philippe Magazine, Phillips: Ref. 3711/1G)
Patek veränderte die Uhr gerade weit genug, um aus ihr eine Familie zu machen, und vorsichtig genug, um ihre Silhouette nicht zu verbrauchen. Diese Disziplin wurde später entscheidend, denn Knappheit entfaltet ihren größten Wert dort, wo jeder das knappe Objekt schon von weitem erkennt. Der eigentliche Generationswechsel folgte ein Jahr später.
Die Werkgeschichte unter dem Bullauge
Am Anfang stand ein Uhrwerk, das Patek nicht selbst entwickelt hatte. Das Kaliber 28-255 C der Ref. 3700 basierte auf dem Jaeger-LeCoultre 920, jener ultraflachen Konstruktion, die in verwandter Form auch die Royal Oak und später Modelle von Vacheron Constantin antrieb. Mit nur 3,05 Millimetern Höhe erlaubte sie das flache Gehäuse der 3700, verzichtete allerdings auf eine Zentralsekunde. Dass drei Häuser der höchsten Genfer und Schweizer Uhrmacherei dieselbe technische Basis nutzten, schmälert ihre Bedeutung nicht. Es zeigt, wie außergewöhnlich die Konstruktion war. (WatchTime)
Die Ref. 3800 markierte 1981 die Emanzipation von dieser Basis. Das Kaliber 335 SC brachte Zentralsekunde und Patek-Technik in das kleinere Gehäuse, später übernahmen Varianten des 330 SC. In der großen Nautilus wurde das Werk bereits 2004 sichtbar: Die Ref. 3711/1G kombinierte ihren Saphirglasboden mit dem Kaliber 315 SC. Auch die ersten Exemplare der Ref. 5711 starteten 2006 mit diesem 3,22 Millimeter hohen Werk, einem Zentralrotor aus 21-karätigem Gold, 3 Hz und einer Gangreserve von 38 bis 48 Stunden. Pateks damalige Presseunterlagen sind an dieser Stelle erfreulich unromantisch und nennen das Kaliber schwarz auf weiß. (Patek Philippe: Pressemitteilung zur Nautilus 2006, Phillips: Ref. 3711/1G)
Schon 2007 übernahm in der 5711 das Kaliber 324 S C. Es war 3,3 Millimeter hoch, schlug mit 4 Hz und bot eine Gangreserve von 35 bis 45 Stunden. Der Wechsel geschah so früh, dass das 324 S C später gern zum Geburtswerk der 5711 befördert wurde. Die Urkunde von 2006 widerspricht. Sammlergeschichte ist gelegentlich nur Erinnerung mit gutem Auktionslicht. (Christie's: frühe Ref. 5711 mit Kaliber 315 SC)
2019 ersetzte Patek das 324 S C durch das Kaliber 26-330 S C. Die Abmessungen blieben nahezu gleich, doch Sekundenstopp und Änderungen am automatischen Aufzug verbesserten Bedienung und Zuverlässigkeit. Das klingt weniger spektakulär als eine neue Komplikation, sagt aber viel über Pateks Umgang mit der Nautilus: Selbst auf dem Höhepunkt der Nachfrage blieb der sichtbare Entwurf beinahe unangetastet, während darunter weiterentwickelt wurde. (Patek Philippe)
Für 2026 kehrt ausgerechnet das Kaliber 240 zurück, das bereits 1977 debütierte und damals laut Patek das flachste automatische Uhrwerk seiner Zeit war. Sein außermittiger Mikrorotor erlaubt eine Höhe von nur 2,53 Millimetern. Das Jubiläum führt deshalb nicht einfach zum ersten Werk zurück, sondern zu jener Patek-Konstruktion, die dem Ideal der ultraflachen mechanischen Uhr besonders nahekommt. Die Entwicklung verläuft nicht geradlinig vom Alten zum Neuen. Patek wählt aus der eigenen Werkgeschichte jeweils das Kaliber, das zur gewünschten Gestalt passt. (Patek Philippe, Ref. 5810/1G)
5711: Der Entwurf wird zum globalen Zeichen
Zum dreißigsten Geburtstag überarbeitete Patek die Männerkollektion der Nautilus. Die ursprüngliche zweiteilige Gehäusekonstruktion wurde durch eine dreiteilige Architektur ersetzt. Mit ihr kamen unter anderem die Ref. 5711/1A als Drei-Zeiger-Modell, die Ref. 5712/1A sowie der erste Nautilus-Flyback-Chronograph Ref. 5980/1A. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Patek Philippe Nautilus Ref. 5711/1A / Quelle: Patek Philippe
Die 5711 sah ihrem Großvater ähnlich genug, um sofort verstanden zu werden, und anders genug, um nicht bloß dessen Neuauflage zu sein. Ihr 40 Millimeter großes Gehäuse erhielt eine Zentralsekunde, ein Datum und einen Saphirglasboden. Die erste Serie von 2006 wurde mit dem Kaliber 315 SC ausgeliefert, danach folgte das 324 S C. 2019 ersetzte Patek dieses Werk durch das neu entwickelte Kaliber 26-330 S C, zu dessen Verbesserungen eine Sekundenstoppfunktion für das präzisere Einstellen der Uhrzeit gehörte. (Patek Philippe: Pressemitteilung 2006, Patek Philippe: Kaliber 26-330)
Um die 5711 herum wuchs eine ganze Familie. Die Ref. 5712 ergänzte Mondphase und Gangreserve, während 2006 mit der Ref. 5980 der Flyback-Chronograph hinzukam. Die Ref. 5726 führte 2010 den Jahreskalender ein, zunächst am Lederband. Die Version mit Metallband folgte 2012. Zwei Jahre später kombinierte die Ref. 5990 Travel Time und Chronograph. Bereits 2009 hatte Patek die Damenkollektion ausdrücklich in Zusammenarbeit mit Gérald Genta überarbeitet, bevor 2015 mit der Ref. 7118/1A die erste automatische Damen-Nautilus aus Stahl ohne Diamanten erschien. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
Patek Philippe Nautilus Ref. 5980/1A / Quelle: Patek Philippe
Explosionszeichnung Patek Philippe Nautilus Ref. 5980/1A / Quelle: Patek Philippe
Zum vierzigsten Geburtstag folgte 2016 eine ziemlich deutliche Erinnerung daran, wie weit die Nautilus inzwischen gekommen war. Patek legte die Ref. 5711/1P in Platin auf 700 Exemplare auf und ergänzte sie um den 44 Millimeter großen Weißgold-Chronographen Ref. 5976/1G. Beide trugen Diamantindizes und kamen in einer Jubiläumsschatulle aus Naturkork, die bewusst an die Verpackung von 1976 erinnerte. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
40 Jahre Patek Philippe Nautilus / Quelle: Patek Philippe
2018 brachte Patek mit der Ref. 5740/1G erstmals einen ewigen Kalender in die Nautilus-Familie. (Patek Philippe)
Die Idee von 1976 war zu einer Plattform geworden, auf der Patek beinahe seine gesamte uhrmacherische Grammatik sprechen konnte. Trotzdem blieb die einfache 5711 das stärkste Bild der Familie. Ihre gestalterische Ruhe machte sie zum besonders wirksamen Zeichen, denn ein Blick auf Lünette und Band genügte, um zu wissen, was man vor sich hatte.
Wie viel Komplikation verträgt ein Bullauge?
Jede zusätzliche Anzeige gefährdet bei der Nautilus etwas, das wertvoller ist als technische Vollständigkeit: ihre Ruhe. Patek musste Komplikationen deshalb nicht nur in ein flaches Gehäuse bekommen, sondern in einen Entwurf, der von großen, ununterbrochenen Flächen lebt. Die Ref. 3710 löste diese Aufgabe 1998 noch zurückhaltend mit einer Aufzugszonenanzeige. Die Ref. 3712 von 2005 verteilte Gangreserve, Datum, kleine Sekunde und Mondphase bewusst asymmetrisch. Ihr Kaliber 240 PS IRM C LU hielt die Uhr trotz der zusätzlichen Anzeigen flach, während das unruhige Zifferblatt einen eigenen Charakter entwickelte. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus, Patek Philippe: Ref. 5712)
Der Flyback-Chronograph Ref. 5980 nutzte ab 2006 einen großen Monototalisator bei 6 Uhr, statt das Blatt mit mehreren kleinen Zählern zu zerschneiden. Die Ref. 5726 ordnete Jahreskalender und Mondphase entlang der vertikalen Achse. Bei der Ref. 5990 wurden die Drücker für die zweite Zeitzone in die linke Gehäuseflanke integriert. Ausgerechnet die seitlichen Elemente, die seit 1976 an ein Bullaugenscharnier erinnern, erhielten damit eine technische Funktion. Das Gehäuse nahm die Komplikation auf, ohne seine bekannte Kontur aufzugeben. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus, Patek Philippe: Ref. 5990)
Den Höhepunkt dieser Entwicklung markierte 2018 die Ref. 5740/1G. Sie war die erste Grand Complication der Nautilus und zugleich Pateks flachster ewiger Kalender. Das Kaliber 240 Q bringt Tag, Datum, Monat, Schaltjahr, 24-Stunden-Anzeige und Mondphase in ein 8,42 Millimeter hohes Weißgoldgehäuse. Damit hatte die frühere Stahlsportuhr endgültig jene Komplikation aufgenommen, die wie kaum eine andere für Patek Philippe steht. Die Nautilus war nicht mehr die lässige Ausnahme im Katalog, sondern ein zweites Zuhause für dessen anspruchsvollste Uhrmacherei. (Patek Philippe: Ref. 5740)
Diese Modelle sind keine Nebenäste einer Drei-Zeiger-Geschichte. Sie zeigen, wie belastbar Gentas Grundform ist. Ein schwächerer Entwurf würde unter Chronographendrückern, Kalenderfenstern und Hilfszifferblättern verschwinden. Bei der Nautilus bleiben die seitlichen Ohren, die horizontale Prägung und das integrierte Band stärker als das, was Patek darauf oder darin ergänzt.
Als Zugang Teil des Produkts wurde
Irgendwann hatte der Erfolg der 5711 nur noch am Rand damit zu tun, was in ihrem Gehäuse passierte. Die Uhr war weder Pateks kompliziertestes Modell noch das kostbarste und gemessen an den Funktionen nicht einmal besonders erklärungsbedürftig. Trotzdem entwickelte sie sich während der 2010er-Jahre vom begehrten Modell zum kulturellen Objekt. Wartelisten wuchsen, Zweitmarktpreise entfernten sich vom Listenpreis, und die Nautilus wurde zunehmend als Stellvertreter für Patek Philippe selbst wahrgenommen.
Damit veränderte sich die Bedeutung ihres Preises. Der Listenpreis beschrieb die Uhr, der Zweitmarkt bepreiste ihre Unerreichbarkeit. Wer eine neue 5711 kaufen wollte, brauchte nicht nur das nötige Geld, sondern eine Zuteilung. Der Zugang zum Produkt wurde auf diese Weise selbst zu einem Teil des Produkts.
Für eine Manufaktur mit einem weit größeren Repertoire wurde diese Dominanz zum Problem. Thierry Stern begründete das Ende der 5711 damit, dass Patek die Marke schützen müsse und nicht nur ein einziges Produkt. Was wie freiwilliger Verzicht aussah, war deshalb auch der Versuch, die Nautilus wieder kleiner zu machen als das Haus, dessen Namen sie trug. (Hodinkee, NZZ Bellevue)
Im Januar 2021 bestätigte Patek das Ende der klassischen blauen Stahlversion. Die Wirkung folgte einem bekannten Muster: Kaum wurde etwas offiziell knapper, wollten es noch mehr Menschen haben.
Im April folgte noch die Ref. 5711/1A-014 mit olivgrünem Zifferblatt. Sie war keine Rücknahme der Entscheidung, eher der Nachspann eines Films, bei dem längst niemand mehr den Kinosaal verlassen wollte.
Patek Philippe Nautilus Ref. 5711 / Quelle: Patek Philippe
Den vollkommen absurden Schlusspunkt setzte Ende desselben Jahres die Ref. 5711/1A-018 mit „Tiffany Blue“-Zifferblatt. Patek produzierte 170 Exemplare zum 170-jährigen Jubiläum der Zusammenarbeit mit Tiffany & Co. Eines davon wurde für wohltätige Zwecke versteigert und erzielte 6.503.500 US-Dollar. Dieser Preis war durch Stahl, Uhrwerk oder handwerklichen Aufwand allein nicht mehr zu erklären. Er bündelte Seltenheit, Marke, Farbe, Anlass und die Gewissheit, dass fast alle anderen ausgeschlossen bleiben würden. (Patek Philippe, Phillips)
Mit diesem Zuschlag war die Nautilus endgültig mehr als eine Stahluhr, über deren Verarbeitung Sammler diskutierten. Sie war ein ökonomisches Experiment mit Zeigern, bei dem nicht nur Besitz, sondern bereits die Möglichkeit des Erwerbs Status verlieh.
Patek Philippe x Tiffany & Co Nautilus Ref. 5711 / Quelle: Patek Philippe
2022 übernahm die Ref. 5811/1G die Rolle der klassischen Drei-Zeiger-Nautilus für Herren: 41 Millimeter, Weißgold statt Stahl und das Kaliber 26-330 S C. (Patek Philippe)
Die klassische Drei-Zeiger-Nautilus für Herren hatte ihr prägendes Material damit vorerst hinter sich gelassen. Andere Nautilus-Modelle aus Stahl blieben Teil der Kollektion, doch für die Ikone selbst war Edelstahl nicht länger nötig. Die Form war inzwischen kostbarer geworden als das Material, aus dem sie bestand.
Patek Philippe Nautilus Ref. 5811 / Quelle: Patek Philippe
Vier Generationen im direkten Vergleich
Die großen Drei-Zeiger-Modelle sehen einander auf den ersten Blick erstaunlich ähnlich. Konstruktiv erzählen sie jedoch vier unterschiedliche Kapitel. Die 3700 begründete das zweiteilige Bullaugengehäuse, die 5711 öffnete die Uhr mit einem dreiteiligen Aufbau und Saphirglasboden, die 5811 führte die zweiteilige Konstruktion wieder ein, und die 5810 reduzierte das Konzept für das Jubiläum auf Stunde und Minute. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus, Ref. 5811/1G, Ref. 5810/1G)
Ref. 3700/1A
- Premiere: 1976
- Material: Edelstahl
- Format: 42 mm Breite
- Gehäuse: zweiteilig
- Kaliber: 28-255 C
- Anzeige: Stunde, Minute, Datum
Ref. 5711/1A
- Premiere: 2006
- Material: Edelstahl
- Format: 40 mm, 8,3 mm hoch
- Gehäuse: dreiteilig
- Kaliber: zunächst 315 SC, danach 324 S C, ab 2019 26-330 S C
- Anzeige: Stunde, Minute, Sekunde, Datum
Ref. 5811/1G
- Premiere: 2022
- Material: Weißgold
- Format: 41 mm, 8,2 mm hoch
- Gehäuse: zweiteilig
- Kaliber: 26-330 S C
- Anzeige: Stunde, Minute, Sekunde, Datum
Ref. 5810/1G
- Premiere: 2026
- Material: Weißgold
- Format: 41 mm, 6,9 mm hoch
- Gehäuse: zweiteilig
- Kaliber: 240
- Anzeige: Stunde, Minute
Der Vergleich macht die Kreisbewegung sichtbar. Die Nautilus wurde größer, technisch eigenständiger und funktionaler, bevor sie zum Jubiläum wieder flacher und einfacher wurde. Patek kehrt jedoch nicht zur Ref. 3700 zurück. Die 5810 verbindet deren Zweizeiger-Ruhe und zweiteilige Konstruktion mit Weißgold, Saphirglasboden und einem Patek Werk aus der eigenen Geschichte. Sie ist keine Neuauflage, sondern eine kontrollierte Rückblende.
Warum eine Nautilus keine Royal Oak ist
Man braucht keinen Messschieber, um Royal Oak und Nautilus auseinanderzuhalten. Das ist bemerkenswert, weil beide aus derselben Hand stammen und auf verwandten Grundideen aufbauen.
Bei der Royal Oak werden die Schrauben der Lünette zum Gesicht der Uhr. Ihre Konstruktion wird sichtbar gemacht. Kanten, Facetten und Übergänge sind scharf definiert. Sie hat etwas Architektonisches im Sinne von offen liegendem Tragwerk.
Die Nautilus behandelt dieselben Elemente weicher. Ihre seitlichen Gehäuseteile nehmen die Konstruktion auf und beruhigen sie optisch, das Oktagon verliert seine Härte und das Armband läuft beinahe selbstverständlich aus dem Gehäuse heraus.
Audemars Piguet Royal Oak Ref. 15510ST.OO.1320ST.07 / Patek Philippe Nautilus Ref. 5711 / Rolex Submariner Ref. 126610LN / Quellen: Audemars Piguet, Patek Philippe, Rolex
Während die Royal Oak ihre Verbindungen demonstrativ zeigt, macht die Nautilus aus ihnen eine Fuge. Der Unterschied ist klein genug, um auf einem Blatt Papier zu entstehen, und groß genug, um zwei komplette Designlinien über Jahrzehnte auseinanderzuhalten.
Evelyne Genta beschrieb die Absicht ihres Mannes später präziser. Die Nautilus sollte anatomischer wirken als die Royal Oak und nicht nur beim Sport, sondern den ganzen Tag getragen werden können. Das erklärt die weicheren Übergänge besser als jede geometrische Etikette. Genta zeichnete nicht einfach ein zweites achteckiges Sportuhrengehäuse. Er entwickelte die industrielle Härte der Royal Oak zu einer Form weiter, die sich stärker an den Körper anschmiegt. (Patek Philippe Magazine)
Warum sie am Arm funktioniert
Fotos erklären nur einen Teil des Erfolgs, denn eine Nautilus ist ungewöhnlich flach, und ihr integriertes Band zieht die Form nicht abrupt nach unten, sondern verlängert das Gehäuse. Dadurch wirkt sie am Arm größer, als ihre reine Breite vermuten lässt, ohne die Masse vieler klassischer Sportuhren mitzubringen.
Auch die Oberflächen tragen dazu bei. Große satinierte Bereiche werden von polierten Kanten unterbrochen. Das lässt Stahl oder Edelmetall anders wirken als eine komplett polierte Schmuckuhr und feiner als eine rein mattierte Werkzeuguhr.
Patek hat diesen Kontrast von Beginn an zum Gestaltungsmittel gemacht. Die aktuelle Jubiläumskollektion führt das Wechselspiel aus polierten und satinierten Flächen weiter. (Patek Philippe)
Patek Philippe Nautilus Ref. 5711 / Quelle: Patek Philippe
Vielleicht ist das überhaupt Gentas wichtigste Leistung bei dieser Uhr: Weder die Lünette noch das Blatt oder das Band müssen für sich genommen spektakulär sein. Zusammen bilden sie jedoch eine so geschlossene Form, dass sich kaum etwas ändern lässt, ohne dass man sofort merkt, dass jemand daran herumgefummelt hat.
2026: Die Stahluhr braucht keinen Stahl mehr
Patek überschreibt die offizielle Jubiläumsseite mit „Crafting a Legacy“ und ordnet dort vier Referenzen zu einer knappen Genealogie: die Stahlmodelle 3700/1A von 1976 und 5711/1A von 2006, die Platinversion 5711/1P von 2016 und die neue 5810/1G von 2026. Diese Auswahl erzählt bereits, wie Patek die Geschichte der Nautilus verstanden wissen will. Die Form bleibt, während das Material immer weiter in den Hintergrund tritt. (Patek Philippe)
Zum fünfzigsten Geburtstag erscheinen vier limitierte Modelle, drei Armbanduhren und eine Tischuhr. Geplant sind 2.000 Exemplare der Ref. 5610/1P, 2.000 der Ref. 5810/1G, 1.000 der Ref. 5810G und 100 Stück der Ref. 958G. Keine einzige besteht aus Edelstahl. Die Uhr, deren historische Provokation darin lag, Stahl auf das Preisniveau einer kostbaren Patek zu heben, feiert ihr halbes Jahrhundert in Weißgold und Platin. Das ist keine Widerlegung der alten Idee, sondern der Beleg für ihren Erfolg. Die Nautilus muss ihren Wert nicht mehr über ein unerwartetes Material erklären, weil ihre Silhouette und die Aussicht auf eines der limitierten Exemplare diese Arbeit längst übernommen haben. (Patek Philippe)
Die drei Armbanduhren sind nur 6,9 Millimeter hoch, besitzen wieder zweiteilige Gehäuse und werden vom ultraflachen Kaliber 240 angetrieben. Datum und Zentralsekunde entfallen. Patek feiert das Jubiläum also nicht mit zusätzlichen Anzeigen, sondern mit einer Reduktion auf Form, Oberfläche und Herkunft. Die Rückkehr zur zweiteiligen Konstruktion ist dabei mehr als nostalgische Kosmetik, denn sie führt das neue Trio näher an das konstruktive Prinzip der Ref. 3700 heran. (Patek Philippe: Ref. 5610/1P, Ref. 5810/1G, Ref. 5810G)
Ref. 5810/1G-001
Die Ref. 5810/1G-001 ist die direkteste Jubiläumsinterpretation des klassischen Nautilus-Themas. Ihr 41 Millimeter großes Weißgoldgehäuse rahmt ein blaues Zifferblatt mit Sonnenschliff und horizontaler Prägung, das integrierte Band führt das Wechselspiel aus polierten und satinierten Flächen fort. Patek limitiert sie auf 2.000 Exemplare. (Patek Philippe)
2026 Patek Philippe Nautilus Ref. 5810/1G-001 / Quelle: Patek Philippe
Wie ihre beiden Jubiläumsschwestern verzichtet sie auf Datum und Zentralsekunde. Im Inneren arbeitet stattdessen das ultraflache automatische Kaliber 240, nur 2,53 Millimeter hoch und mit einem außermittigen Mikrorotor aus 22-karätigem Gold ausgestattet. Für das Jubiläum trägt dieser eine Gravur mit der Zahl 50 und den Jahreszahlen 1976 und 2026. Die Wahl greift tief in Pateks eigene Geschichte, denn das Kaliber 240 erschien bereits 1977, nur ein Jahr nach der Nautilus selbst. (Patek Philippe)
Ref. 5610/1P-001
Noch interessanter ist die Ref. 5610/1P-001 mit 38 Millimetern Durchmesser und einem Gehäuse aus Platin. Patek bezeichnet sie selbst als Rückkehr jenes mittleren Formats, das die Nautilus-Familie seit den achtziger Jahren begleitet. Die Limitierung liegt ebenfalls bei 2.000 Exemplaren. (Patek Philippe)
2026 Patek Philippe Nautilus Ref. 5610/1P-001 / Quelle: Patek Philippe
Sie ist vielleicht die spannendste der drei Armbanduhren, weil sie nicht versucht, die heutige Vorstellung von „Jumbo“ noch weiter aufzublasen. Fünfzig Jahre nach einer Uhr, die wegen ihrer Größe auffiel, entdeckt Patek plötzlich wieder, dass Eleganz nicht zwingend immer mehr Fläche braucht.
Der obligatorische Diamant des Platingehäuses sitzt diesmal bei 9 Uhr. Eine winzige Verschiebung, über die man in Sammlerkreisen wahrscheinlich länger diskutieren kann als vernünftige Menschen über ihre Baufinanzierung.
Ref. 5810G-001
Die Ref. 5810G-001 nimmt dieselben 41 Millimeter und dasselbe 6,9 Millimeter flache Weißgoldgehäuse, kombiniert es allerdings mit einem marineblauen Kompositband in Textiloptik und cremefarbenen Kontrastnähten. Dazu kommen applizierte Weißgoldindizes mit Baguette-Diamanten. Patek limitiert sie auf 1.000 Exemplare. (Patek Philippe)
2026 Patek Philippe Nautilus Ref. 5810G-001 / Quelle: Patek Philippe
Technisch arbeitet auch hier das Kaliber 240 mit 3 Hz, mindestens 48 Stunden Gangreserve und jenem 22-karätigen Jubiläumsrotor. Der Kontrast aus kostbarem Weißgold, Diamanten und einem Band, das wie Textil wirken soll, fasst die heutige Nautilus in einer einzigen Uhr zusammen: formell und lässig, demonstrativ teuer und zugleich darum bemüht, nicht wie eine klassische Golduhr auszusehen. (Patek Philippe)
Und was ist mit den 30 Metern?
Auf dem Datenblatt der Jubiläumsmodelle stehen 30 Meter Wasserdichtigkeit, während es 1976 noch 120 Meter waren und auch die Jubiläums-5711/1P von 2016 diesen Wert erreichte. Es wäre also verführerisch, daraus einen schönen Abgesang auf die maritime Kompetenz der modernen Nautilus zu bauen. Leider wäre er falsch.
Patek Philippe führte 2024 einen einheitlichen Standard für alle als wasserdicht zertifizierten Modelle ein. Die Uhren werden bei einem Überdruck von 3 bar geprüft. Für eine aktuell mit 30 Metern angegebene Patek garantiert das Haus ausdrücklich Händewaschen, Duschen, Baden, Schwimmen und sogar Tauchen bis zu einer realen Tiefe von 30 Metern. (Patek Philippe)
Die Zahl sieht deshalb deutlich dramatischer aus, als sie in der Praxis ist, bleibt symbolisch aber aufschlussreich. Die erste Nautilus erzählte ihre maritime Robustheit noch mit einer möglichst hohen Zahl. Die Jubiläumsuhr erzählt sie über eine neue Norm, die zunächst nach weniger klingt und erst erklärt werden muss. 1976 reichte ein Bullauge, 2026 braucht man zusätzlich die FAQ.
Das verrückteste Jubiläumsmodell hängt an keinem Handgelenk
Die interessanteste Neuheit trägt allerdings niemand am Arm. Mit der Ref. 958G-001 macht Patek aus der Nautilus eine Tischuhr aus Weißgold, mit der charakteristischen achteckigen Form, blauem Zifferblatt und einer auf 100 Exemplare begrenzten Produktion. Das Gehäuse misst 50,65 Millimeter und ist 13,5 Millimeter hoch. Ein Scharnierdeckel schützt den Saphirglasboden und dient geöffnet als Stütze, wodurch die alte Bullaugenidee ausgerechnet in einem Gegenstand weiterlebt, der niemals Wasser sehen soll. (Patek Philippe)
2026 Patek Philippe Nautilus Ref. 958G-001 / Quelle: Patek Philippe
Im Inneren arbeitet das Handaufzugskaliber 31-505 8J PS IRM CI J mit acht Tagen Gangreserve, augenblicklich schaltendem Datum und Wochentag sowie kleiner Sekunde. Patek beschreibt die Ref. 958G selbst als bewusste Überraschung zum fünfzigsten Geburtstag der Kollektion. (Patek Philippe)
Eigentlich ist es absurd, dass eine Nautilus, deren Grundidee einmal eine sportliche, wasserdichte Armbanduhr für ein aktiveres Leben war, auf dem Schreibtisch endet. Vielleicht ist sie gerade deshalb das ehrlichste Jubiläumsmodell.
1976 war die Nautilus ebenfalls ein Gegenstand, nach dem niemand gefragt hatte. Eine absurd teure Stahluhr von Patek Philippe mit Bullaugengehäuse war nicht die logische Antwort auf irgendeine Marktforschung, sondern gerade deshalb eine ziemlich gute Idee, weil sie nicht vernünftig war. Fünfzig Jahre später steht dasselbe Prinzip auf dem Schreibtisch.
Das knappste Material ist Zugang
Die Nautilus war nie ein Gegenentwurf zum Luxus selbst. Sie widersprach lediglich der alten Vorstellung, Luxus müsse sich vor allem durch kostbares Material erklären. 1976 übernahmen Gestaltung, Konstruktion und Verarbeitung diese Aufgabe. In den folgenden Jahrzehnten kamen die Autorität der Marke, die Beständigkeit der Form und schließlich ihre Knappheit hinzu. Aus einer teuren Stahluhr wurde auf diese Weise ein Objekt, dessen Bedeutung weit über Stahl, Gold oder Platin hinausreicht.
Der Vergleich mit Gentas IWC Ingenieur SL zeigt, dass ein großer Entwurf dafür nicht genügt. Auch die Nautilus wäre ohne Pateks Namen, die vorsichtige Modellpflege und fünf Jahrzehnte kultureller Aufladung möglicherweise eine bewunderte Fußnote geblieben. Ihre heutige Stellung beruht auf dem Zusammenspiel von Substanz und Erzählung. Das eine macht die Uhr glaubwürdig, das andere macht sie begehrlich.
Mit der 5711 verschob sich dieses Verhältnis. Der Wert wurde nicht länger allein am Objekt verhandelt, sondern an seiner Verfügbarkeit. Warteliste, Zuteilung und Zweitmarkt machten aus der Frage nach dem Preis eine Frage nach dem Zugang. Der Käufer musste nicht mehr nur zeigen, dass er sich eine Nautilus leisten konnte. Er musste zeigen, dass er eine bekommen hatte.
Die Jubiläumskollektion führt diese Entwicklung offen fort. Ihre Edelmetalle bestätigen den klassischen Luxus, doch die Stückzahlen organisieren den Zugang: 2.000, 2.000, 1.000 und schließlich nur 100 Exemplare. Keine dieser Zahlen sagt etwas über die Qualität der Uhr aus. Sie sagt, wie viele Menschen dazugehören können.
Darauf fällt auch ein kritischer Schatten. Die ursprüngliche Nautilus adelte ein alltägliches Material durch außergewöhnliche Arbeit. Die heutige Nautilus adelt ihren Besitzer durch Ausschluss. Das macht die Uhr nicht handwerklich schlechter und ihre Geschichte nicht weniger bedeutend, verändert aber die Richtung des Versprechens. 1976 sollte der Gegenstand seinen Preis rechtfertigen. 2026 erzeugt schon die Erlaubnis, ihn kaufen zu dürfen, einen Teil seines Werts.
Patek Philippe Nautilus Ref. 5711/1A / Quelle: Patek Philippe
Gérald Genta starb 2011 und erlebte weder den endgültigen Wahnsinn um die 5711 noch die Tiffany-Auktion. Evelyne Genta erinnerte sich, dass die Nautilus seine Lieblingsuhr war und er unter seinen Exemplaren besonders den Prototyp schätzte. Noch wenige Jahre vor seinem Tod arbeitete er an einem neuen Zifferblatt für den Entwurf, der für ihn offenbar keine Falten bekommen hatte. Sein Bullauge, die horizontalen Linien und das integrierte Band sind nach fünfzig Jahren noch immer sofort erkennbar. Die größte Leistung der Nautilus liegt nicht in einem einzelnen Modell oder Rekord, sondern in der Beständigkeit einer Form, die jede neue Bedeutung aufnehmen konnte, ohne ihre Identität zu verlieren. (Patek Philippe Magazine)
1976 wollte Patek Philippe beweisen, dass Stahl kostbar sein kann. Fünfzig Jahre später beweist die Nautilus, dass sie nicht einmal mehr Stahl braucht. Damals musste die Uhr ihren Preis gegen das Material verteidigen, heute überstrahlt ihre Bedeutung jedes Material. Über Knappheit, Zuteilung und Preise darf man streiten. Dass Genta und Patek eine der dauerhaftesten Formen der modernen Uhrmacherei geschaffen haben, steht nach einem halben Jahrhundert außer Frage.
Zum fünfzigsten Geburtstag darf deshalb das Glas erhoben werden, auch wenn die Uhr am anderen Ende des Tisches vermutlich jemand anderes trägt.
Herzlichen Glückwunsch zum fünfzigsten Jubiläum, Nautilus.
Appendix: Die Mini-Timeline von 1976 bis heute
- 1976: Ref. 3700/1A startet in Edelstahl. Zweiteilige Gehäusekonstruktion, 120 m Wasserdichtigkeit und das Design von Gérald Genta begründen die Nautilus-Familie. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 1980: Die Damen-Nautilus Ref. 4700/51J erweitert die Kollektion. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 1981: Ref. 3800/1 und Ref. 3900/1 ergänzen die Familie um kleinere Formate. Die Ref. 3800 ist automatisch, die kleinere Ref. 3900 wird als Quarzmodell angeboten. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 1990: Die Produktion der ursprünglichen Ref. 3700 endet. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 1996: Modelle mit römischen Ziffern erscheinen, darunter die Ref. 3800/1JA. Patek stellt außerdem erstmals eine Nautilus am Lederband vor. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 1998: Ref. 3710/1A wird als erste komplizierte Nautilus mit Aufzugszonenanzeige vorgestellt. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 2004: Ref. 3711/1G bringt das große Nautilus-Format in Weißgold zurück. Kaliber 315 SC, Zentralsekunde und Saphirglasboden machen sie zur kurzen Brücke zwischen 3700 und 5711. (Patek Philippe Magazine, Phillips)
- 2005: Ref. 3712/1A bringt Mondphase und Gangreserveanzeige in die Nautilus. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 2006: Zum 30. Geburtstag wird die Männerkollektion überarbeitet. Die zweiteilige Konstruktion weicht einem dreiteiligen Gehäuse. Ref. 5711/1A, Ref. 5712/1A und der Flyback-Chronograph Ref. 5980/1A markieren die neue Generation. Die 5711 startet mit dem Kaliber 315 SC. (Patek Philippe: Pressemitteilung 2006)
- 2009: Patek überarbeitet die Damen-Nautilus in Zusammenarbeit mit Gérald Genta. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 2010: Die Ref. 5726A führt den Jahreskalender ein. Die Version mit Metallband folgt 2012. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 2014: Ref. 5990/1A kombiniert Travel Time und Chronograph. (Patek Philippe)
- 2015: Ref. 7118/1A erscheint als erste automatische Damen-Nautilus aus Stahl ohne Diamanten. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 2016: Ref. 5711/1P in Platin, limitiert auf 700 Exemplare, und Ref. 5976/1G in Weißgold feiern das 40. Jubiläum. (Patek Philippe: 40 Jahre Nautilus)
- 2018: Ref. 5740/1G bringt den ewigen Kalender in die Nautilus-Familie. (Patek Philippe)
- 2019: Das neu vorgestellte Kaliber 26-330 S C ersetzt in der Ref. 5711 das Kaliber 324 S C und bringt unter anderem Sekundenstopp. (Patek Philippe)
- 2021: Die klassische Stahl-5711 läuft aus. Es folgen die olivgrüne Ref. 5711/1A-014 und zum Abschluss die auf 170 Exemplare limitierte Tiffany-Version. (Patek Philippe)
- 2022: Ref. 5811/1G in Weißgold übernimmt die Rolle der klassischen Drei-Zeiger-Nautilus für Herren. Das Kaliber 26-330 S C bleibt erhalten. (Patek Philippe)
- 2026: Zum 50. Geburtstag erscheinen Ref. 5610/1P in Platin, Ref. 5810/1G und Ref. 5810G in Weißgold sowie die erste Nautilus-Tischuhr Ref. 958G. Die Auflagen betragen 2.000, 2.000, 1.000 und 100 Exemplare. (Patek Philippe)
50 Jahre Patek Philippe Nautilus / Quelle: Patek Philippe
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