Fünfzig Jahre Nautilus
Ein zerknittertes Stück Papier, ein hastiger Strich – und plötzlich war sie da: ein Bullaugen‑Monster, das die Uhrenwelt aus den Angeln hob. 1976, mitten im Quarz‑Inferno, in dem Japan und die USA die Schweiz technologisch in Grund und Boden rammten, tauchte diese kleine Bestie aus Stahl auf. Keine feinen Dress Watches, kein Gold‑Glamour, sondern eine provokative Ansage: Eine der teuersten Uhren der Welt, und sie ist aus Stahl. Ich stelle mir die Szene vor: Gérald Genta, dieser unruhige Künstler, der gerade die Royal Oak für Audemars Piguet skizziert hatte, saß da, beobachtete Patek‑Manager am Nebentisch und kritzelte los. Fünf Minuten später war die Idee da. Nicht als Plan, sondern als Instinkt. Ein Gehäuse wie das Bullauge eines Ozeandampfers: achteckig, gerundet, mit Scharnier‑Ohren und einem Band, das nahtlos überging, als wäre alles aus einem Block gemeißelt. Die Entwicklung dauerte zwei Jahre, inklusive Prototypen und anfänglicher Skepsis von Philippe Stern bezüglich der Größe und des Materials. Zwei Jahre später wurde sie Realität: die Nautilus Ref. 3700/1A, ein Stahlkoloss in einer Welt aus Gold, der die Quarz‑Krise nicht nur überwand, sondern sie auch als Design‑Manifest nutzte. Ich feiere sie nicht als unfehlbares Relikt, sondern als rebellischen Seebären, der die Luxusuhrenindustrie aus ihrer Komfortzone zerrte und eine neue Ära einläutete.
Fünfzig Jahre später rollt das Jubiläum an wie eine Springflut. Anlass, einer Geschichte zu huldigen, einer Odyssee aus Krisen, Kreativität und Kontroversen, die nicht nur Patek Philippe, sondern die gesamte Branche geprägt hat. Kein Hurra-Patriotismus, sondern ein Salut von der Reling. Die Nautilus hat Wellen geschlagen, die bis heute nachhallen, mit all ihren Schönheiten und Schattenseiten.

Das Quarz‑Inferno und Gentas rettender Strich
Der Auftakt war dramatisch wie ein Roman von Jules Verne: Die siebziger Jahre waren das Doomsday‑Szenario für die Schweizer Uhrenwelt. Quarz‑Uhren aus Japan und den USA überschwemmten den Markt wie ein Tsunami. Seikos Astron von 1969 war der erste Eisberg: billig, präzise auf ± fünf Sekunden pro Monat, batteriebetrieben und vor allem unschlagbar. Die Folge war ein kollektiver Schiffbruch. Schweizer Uhrenexporte sanken dramatisch von etwa 50 Prozent auf ca. 10-15 Prozent bis 1983. Firmen wie Enicar, Cortébert und andere gingen unter, als würden Eisberge das Schiff durchbohren. Die Überlebenden trieben im eiskalten Wasser und suchten verzweifelt nach einem neuen Kurs.

Patek Philippe, das Haus, das seit 1839 nur an Komplikationen glaubte (ewige Kalender, Minutenrepetitionen, alles in Gold verpackt und sicher verwahrt), produzierte in den 1960er Jahren nur wenige tausend Uhren pro Jahr, und stieg bis Anfang der 1970er auf etwa 15.000 mit ca. 350 Mitarbeitern. Stern lehnte Fusionen ab und fokussierte auf mechanische Uhren für aktive Kunden. Philippe Stern, Enkel von Charles Stern, der das Unternehmen 1932 erwarb, und Segler mit Salzwasser in den Adern, musste handeln. Er roch den Wind der Veränderung. Ein Fitness‑Boom fegte über Amerika, die New York Times trommelte 1968, dass Jogging die Zukunft war. Plötzlich war „Sport“ nicht mehr ein Schimpfwort im Luxus. Gleichzeitig träumten Menschen vom Meer, von Abenteuer. Cousteaus Unterwasser‑Romantik lag wie salzige Gischt über der Popkultur.

Stern wandte sich an Gérald Genta. Dieser hatte bereits Omegas Constellation und IWCs Ingenieur SL geprägt: ein Designer, der Uhren hasste, weil sie Zeit zählten, aber genau darum konnte er sie unsterblich machen. Das Ergebnis: eine Sportuhr, die elegant blieb, in Stahl statt Gold, ein Statement gegen die goldenen Götter. Die Anzeige sagte es brutal: „One of the world's costliest watches is made of stainless steel.“ Ein Schuss vor den Bug der Tradition, provokant, wahr, und eine Ohrfeige für alle, die Luxus mit Goldgehalt gleichsetzten.

Das Bullaugen‑Monster: Die Ref. 3700/1A
Die Servietten‑Skizze (ob Legende oder streng faktische Wahrheit) bleibt bis heute umrankt von einer gewissen poetischen Unschärfe. Was jedoch Tatsache ist: Gentas Design war radikal. Ein Gehäuse wie das Bullauge eines Ozeandampfers, nicht zufällig, sondern Tribut an maritime Robustheit und Schönheit zugleich. Achteckig, aber gerundet, nicht kantig wie später die Royal Oak. Scharnier‑Ohren an den Seiten, die die Verbindung zum Band sicherten. Ein integriertes Armband, das so nahtlos überging, dass man nicht sah, wo die Uhr endete und das Band begann. Das Armband erfordert 159 Teile und komplexe Techniken wie Satinage, Polissage und Anglage; Polieren mit Klebefolien, um Kratzer zu vermeiden – keine andere Stahluhr erfordert so viel Handarbeit.
Die Ref. 3700/1A, der „Jumbo“, debütierte 1976: 42 Millimeter lug to lug (ein Gigant damals, wie ein Ozeandampfer unter Zwergyachten), gerade mal 7,6 Millimeter dick. Ein Minenfeld für jeden Konstrukteur, doch mit dem Kaliber 28‑255 C schaffte Patek das Unmögliche: Eleganz, die auch Härte durfte.

Das Kaliber: ultraflach, basierend auf Jaeger‑LeCoultres legendärer Basis 920 (identisch mit APs Kaliber 2121). Mit Rotor auf nur 3,05 Millimetern Höhe, bis heute eines der dünnsten Automatikwerke mit Zentralrotor. 36 Steine, 2,75 Hz (19.800 Halbschwingungen pro Stunde), ca. 38-40 Stunden Gangreserve, Gyromax‑Unruh mit Kif‑Ultraflex‑Stoßsicherung. Puristisch: Stunde, Minute, Datum bei 3 Uhr, keine Zentralsekunde. Warum? Weil ein Captain auf seinen Kompass vertraut, nicht auf sekündliche Ungeduld.
Das Gehäuse: 316L‑Edelstahl, Korrosionsresistenz wie Schiffshaut. Monobloc‑Konstruktion mit 120 Metern Wasserdichtigkeit, nur von der Zifferblatt‑Seite zu öffnen. Ein konstruktives Meisterstück, das Uhrmacher weinen ließ. Blaues Sigma‑Dial mit horizontalen Rillen wie Deckplanken, Baton‑Indizes aus Weißgold mit Tritium‑Leuchtmasse, die heute wie alter Wein patiniert und immer schöner wird.
Produziert bis 1990: etwa 3.500 Stück der 3700/1A mit breitem Armband, etwa 1.300 Stück der schmaleren 3700/11A (Stahl). Zusätzlich gab es etwa 900 Two-Tone-Varianten und etwa 1.500 in Gold. Winzige Zahlen. Ein rarer Fang, der die gesamte Nautilus‑Saga einleitet und der Branche zuflüstert, dass Stahl edel sein kann.
Am Handgelenk wirkt die 3700 flacher, als die Zahlen vermuten lassen. Sie schiebt sich nicht unter die Manschette, sie verschwindet unter ihr, wie ein Bullauge, das in die Bordwand eingelassen ist – mehr Architektur als Accessoire.
Das Tier mit dem geheimnisvollen Namen
Sie trägt einen Namen, der mehr ist als ein bloßes Label. Ein Nautilus ist ein uraltes Meereswesen, ein Kopffüßer mit spiralförmiger Schale, der seit 500 Millionen Jahren unverändert durch die Tiefen gleitet. Nicht glamourös, nicht siegreich, einfach nur zäh. Patek wählte ihn, weil Jules Vernes U‑Boot „Nautilus“ aus „20.000 Meilen unter dem Meer“ passte und weil die Bullaugenform wie ein Auge wirkt. Es war die Ära von Jacques Cousteau, in der das Meer Romantik bedeutete, nicht nur Salzwasser.

Was dabei herauskam: ein Name, der philosophisch flüstert. Diese Uhr rennt Trends nicht hinterher. Sie überdauert sie, wie ein Rumpf, der jahrzehntelang auf Kurs bleibt, während an Deck Generationen wechseln. Wie ein marines Relikt, das Wellen trotzt, während alles andere versinkt. Sarkastisch gesagt: ein Name, der klingt wie ein Tintenfisch auf Steroiden und doch perfekt ist, weil er die Essenz einfängt – Beständigkeit in einer Welt des Wandels.
Die Evolution: Von der Jumbo zum Mythos
Die Reise ging weiter wie Gezeiten, die ansteigen und wieder ablaufen. 1980 kam die Damen‑Ref. 4700, 27 Millimeter, oft in Gold oder Quarz. Zart wie eine Perle, aber zu zahm für die offene See. 1981 folgte die Midsize Ref. 3800/1A: 37,5 Millimeter, Kaliber 335 SC mit 27 Steinen, 28.800 A/h, Incabloc‑Stoßsicherung, 42 Stunden Reserve. Diverse Zifferblätter von Blau bis Grau, dazu Varianten mit Mondphase oder Gangreserveanzeige wie ein Logbuch mit zusätzlichen Kapiteln. Bis 2006 produziert, anfangs teurer als die Jumbo, ein stiller Bestseller für alle, die es subtil mochten. 1982 erweiterte sich die 3800/1A mit breiteren Konfigurationen.

1996 erschienen erste Modelle mit römischen Ziffern, z. B. Ref. 3800/1JA Bicolor. 1998 folgte die Ref. 3710/1A: 42 Millimeter mit Gangreserveanzeige, Kaliber 330 SC I, römische Ziffern bei 12 als Anker im Sturm. 2004 bis 2006 folgten die Ref. 3711/1G in Weißgold und die Ref. 3712/1A mit Gangreserve und Mondphase, etwa 900 Stück, Vorboten der kommenden Tiefe.

Dann kam 2006, das Gründungsjahr des modernen Mythos: Ref. 5711/1A, 40 Millimeter Stahl, Kaliber 324 SC mit 213 Teilen, 4 Hz und 45 Stunden Gangreserve, ab 2013 mit Gyromax‑Spirale. Ein blaues Zifferblatt, das changieren konnte wie das Mittelmeer bei wechselndem Licht, Saphirboden für den Blick ins Herz. Diese Uhr wurde nicht einfach produziert, sie wurde kultiviert. Bis 2021 gebaut, 18 verschiedene Referenzen, von klassischem Blau über Olivgrün bis zur legendären Tiffany‑Farbe. Das Gehäuse evolvierte von zweiteiligem Monobloc mit Seitenscharnieren zu dreiteiligem Design mit schärferer Lünette.

Dazu kamen Komplikationen: Ref. 5980/1A Flyback‑Chronograph (Kaliber CH 28‑520 C, 55 Stunden), ab 2006. Ref. 5712/1A mit Mondphase (Kaliber 240 PS IRM C LU). 2009 überarbeitete Genta die Damen-Modelle (32 mm, Diamant-Lünette). 2010 die Ref. 5726/1A mit Jahreskalender, die intime Komplikation. 2014 die Ref. 5990/1A Travel Time Chronograph mit zwei Zeitzonen (Kaliber CH 28‑520 C FUS). 2016 zum 40. Jubiläum die Ref. 5711/1P in Platin (geschätzt etwa 700 Stück) und die Ref. 5976/1G, ein Weißgold‑Chronograph mit 44 Millimetern Durchmesser und rund 1.300 Exemplaren, Preise wie versunkene Schätze.


2018 die Ref. 5740/1G mit ewigem Kalender (Kaliber 240 Q), ultraflach. 2019: Wechsel zu Kaliber 26-330 SC mit Sekundenstopp (Unruh-Stopp für präzise Einstellung), patentiertem Wickelsystem (212 Teile vs. 217, 35–45 h Reserve); erstmals weißes Zifferblatt in Ref. 5980/1A-19 (nur drei Stahl-Varianten mit Weiß insgesamt). Heute mehr als 27 Modelle, etwa die Ref. 5811/1G in Weißgold mit 41 Millimetern und Kaliber 26‑330 S C oder die Ref. 7118/1450R als Damen‑Nautilus mit Diamanten im Snow‑Setting, die wie Gischt im Sonnenlicht funkeln. 2021: Letzte Stahl-5711/1A-014 mit Olivgrün (ersetzt Blau-Schwarz).
Die wichtigsten Referenzen in einem Atemzug
1976 startet die 3700/1A als „Jumbo“ in Stahl, 42 Millimeter lug to lug, ultraflach – das Ur‑Bullauge der Saga. 1981 folgt die 3800/1A, 37,5 Millimeter, leiser Bestseller und Einstieg für alle, die Understatement über Auftritt stellen. 1998 bringt die 3710/1A erstmals eine Gangreserve ins Bullaugen‑Gehäuse, 2004–2006 bereiten 3711/1G und 3712/1A den Sprung ins neue Jahrhundert vor – Weißgold, Mondphase, Komplikationen als Vorahnung. 2006 übernimmt die 5711/1A mit 40 Millimetern die Brücke und wird zur modernen Ikone, flankiert von 5712, 5980, 5726 und 5990, die Chronograph, Mondphase und Travel Time ins Stahlgehäuse schreiben. 2016 krönt die 5711/1P das 40‑jährige Jubiläum, 2018 verschmilzt die 5740/1G den ewigen Kalender mit dem Nautilus‑Gehäuse, und die 5811/1G führt das Erbe der Drei‑Zeiger‑Ikone in Weißgold weiter. Wer diese Achse kennt – 3700, 3800, 5711, 5740, 5811 – versteht die gesamte Familie.

Neben den Standardmodellen gibt es Raritäten, die Sammler faszinieren: Doppelsignierte Varianten wie 3700/1A "GÜBELIN" oder 3800/1JA "BEYER" von Top-Händlern wie Tiffany. Frühe 3700/1A mit sonnengefärbten "grünen" Zifferblättern (Typ 6/7 von Stern Frères). Ein einzigartiges Stück: Ref. 3700/1J "TONI CAVELTI" (1977, Bronze-Fade-Blaues Zifferblatt, persönlich für Juwelier Toni Cavelti; Patek-Archiv bestätigt). Erste Platin-Versionen wie Ref. 3700/1P (limitierte Midsize). Gold-Versionen sind selten, z. B. 5711J-001 mit Lederband.
Das Monster zähmt seinen Schöpfer
Die Nautilus enthüllt ein Geheimnis, das größer ist als Mechanik: den Moment, in dem Kontrolle entgleitet. Sie war die Antwort auf eine Krise, wurde schnell zum Geheimtipp, in den Achtzigern und Neunzigern ein Sammler‑Insider, ein Name, der flüsterte statt zu schreien. Dann kam 2006 und mit ihr die moderne Welle. Die 5711/1A wurde nicht einfach populär, sie wurde viral, bevor das Wort im Uhrenkontext überhaupt angekommen war. Celebrities trugen sie, Rapper erwähnten sie in Texten, Jay‑Z machte mit der Tiffany‑Edition aus einer Uhr ein Zeichen. Nicht, weil Patek Marketing‑Feuerwerke zündete, das Haus hatte kaum Social Media, sondern weil es wusste, wie eine echte Ikone aussieht.

Knappheit wurde zum Treibstoff. Eine Uhr mit Listenpreis von etwa 28.000 Schweizer Franken wurde auf dem Graumarkt für 100.000, 150.000, manchmal 200.000 verkauft. Die Arithmetik kollabierte. Ein Plus von 600 Prozent war keine Rationalität, das war reine Alchemie, ein Beleg dafür, dass Menschen nicht für Uhren zahlen, sondern für einen Mythos. Wartelisten wuchsen ins Absurde, 10, 15, 20 Jahre. Ein Patek‑Händler brachte es so auf den Punkt: „Die 5711 ist nicht zu kaufen, sie ist zu erben.“
Thierry Stern, Präsident des Hauses, sonst kontrolliert und sicher, musste einsehen, dass seine Marke nicht mehr nur Patek Philippe war. Seine Marke war die Nautilus, alles andere wirkte wie Beiboot. 2019 sagte er in der New York Times: „Wir produzieren 140 verschiedene Modelle. Eines davon ist die Nautilus in Stahl. Wir haben viel kompliziertere Modelle, viel schönere.“ Es klang fast entschuldigend, als würde ein Künstler sagen: „Mein bekanntestes Werk ist das, das ich nie machen wollte.“

Der Coup: Tötung als Marketing‑Genie
Im Januar 2021 kündigte Patek Philippe an, die Ref. 5711/1A‑010 einzustellen. Die klassische Stahlversion mit blauem Zifferblatt, das Monster, das Wartelisten verschlungen hatte, sollte nicht mehr gebaut werden. Es war entweder ein strategisches Meisterstück oder ein verzweifelter Akt, die Geschichte wird das Urteil fällen. Stern gab sich kämpferisch in der Neuen Zürcher Zeitung: Er wolle nicht, dass Patek Philippe zur „Nautilus‑Marke“ werde. Das Haus habe 140 verschiedene Modelle.
Doch es kam anders. Die Ankündigung der Discontinuation führte nicht zu Entspannung, sondern zu Panik. Die Preise stiegen um fast 50 Prozent in einem Monat, die Nachfrage verdoppelte sich, 96 Prozent mehr Anfragen auf Chrono24 im Januar 2021 im Vergleich zum gesamten Jahr 2020. Klassische Ökonomie des knappen Gutes: Je weniger es gibt, desto stärker wächst der Wunsch. Patek wollte die Blase verkleinern und pumpte sie weiter auf. Das Steuer wurde herumgerissen, aber das Boot schoss trotzdem erst einmal tiefer in die Welle.
Stern blieb konsequent. 2021 war die 5711 Geschichte, aber nicht im Stillen. Eine grüne Variante erschien bei Watches & Wonders im April 2021, als würde Patek sagen, dass die Liebe nicht stirbt, sondern nur die Farbe wechselt. Kurz darauf erzielte eine grüne 5711 bei einer Auktion 471.000 Dollar. Eine Stahluhr mit einem Ladenpreis von unter 35.000 Dollar, versteigert für fast eine halbe Million.

Dann folgte der finale Paukenschlag: die Nautilus 5711 „Tiffany Blue“. Eine Kooperation mit dem legendären Juwelier, 170 Stück als Hommage an 170 Jahre Partnerschaft, nur bei Tiffany & Co. erhältlich, exklusiv in New York, Beverly Hills und San Francisco. Eine dieser Uhren erzielte bei einer Charity‑Auktion zugunsten der Nature Conservancy 6,503 Millionen Dollar. Eine Stahluhr mit einem Retailpreis von 53.000 Dollar, zugeschlagen für mehr als das Hundertfache. Ein Auktionsergebnis wie ein letzter Kanonenschuss aus der Ferne, bevor das Schiff hinter dem Horizont verschwindet.
Die 5711 war weg und zugleich allgegenwärtig. Auf dem Graumarkt kämpften Sammler um Restbestände wie um gestohlene Kunst. Eine 5711 war keine Uhr mehr, sie war ein Zertifikat. Ein Nachweis, dass man auf der richtigen Seite der Reling stand.
Die Waffe: Design als Unsterblichkeit
Die Nautilus verrät ihr tiefstes Geheimnis im Design, das sich nicht kopieren lässt. Sie wirkt vollständig, wie ein Satz, an dem kein Komma verrückt werden darf, ohne den Rhythmus zu zerstören. Das Octagon ist gerundet, nicht kantig, die Ohren wirken wie Scharniere, nicht wie Henkel. Das ist nicht Gentas Schwäche, das ist seine Signatur. Die Royal Oak sagt: Ich bin aggressiv, dominant, Kraft. Die Nautilus sagt: Ich bin elegant, diskret, und wer genau hinsieht, findet Perfektion.
Die Oberfläche ist rundum satiniert, eine matte, intime Textur, die Licht nicht zurückwirft wie Politur, sondern es aufnimmt wie Stoff. Die Kanten sind scharf, präzise, poliert, ein Spiel aus Ruhe und Spannung, das nur wie Zufall wirkt und in Wahrheit reine Architektur ist.
Das Armband verschmilzt mit dem Gehäuse zu einem Körper, monobloc gedacht. Man erkennt keinen Übergang, nur eine Linie, die ins Handgelenk ausläuft, als würde der Rumpf direkt in die Koje übergehen. Die Schließe lässt sich in 2‑Millimeter‑Schritten feinjustieren, Micro‑Adjustment für Menschen, die hinschauen.

Das Zifferblatt mit den horizontalen Rillen ist keine Dekoration, sondern Funktion in ästhetischer Form. Die Rillen verhindern, dass Licht flach auf die Oberfläche trifft, sie brechen es und erzeugen Tiefe durch Geometrie. Die Farbe, ein Blau‑Grau, verändert sich mit dem Tag. Im Büro wirkt es eher grau, am Strand wird es blau, nachts fast schwarz. Eine Uhr, die mit dem Tageslicht atmet wie ein Schiffsrumpf, der unterschiedlich glänzt, je nachdem, wie die Wellen an ihm hochlaufen.
Die Größen erzählen dieselbe Geschichte in verschiedenen Sprachen: 42 Millimeter bei der 3700, 40 bei der 5711, 41 bei der 5811. Es gibt keine falsche Größe, weil das Design nicht an Millimetern hängt, sondern an der Haltung. Man bleibt auf Kurs, egal ob in der Yacht, im Tender oder im Beiboot.
Wer einmal eine 5711 oder 5811 ein paar Stunden getragen hat, versteht, warum diese Uhr süchtig macht: Sie liegt nicht auf dem Handgelenk, sie fließt darum herum. Die ersten Minuten nimmt man die Form wahr, danach nur noch die Abwesenheit von Reibung – bis man wieder auf das Zifferblatt schaut und merkt, dass da ein kleines Meer am Arm hängt.
Drei Ikonen, drei Charaktere
Die Royal Oak ist Loft und Sichtbeton: kantig, industriell, eine Architektur, die zeigen will, dass sie da ist. Die Submariner ist Werkzeug: Taucherflasche im Stahlformat, geboren aus Funktion, gebaut für Tiefe und Lesbarkeit. Die Nautilus ist Kabine einer Yacht: leise, maritim, eher Paneel als Panzer, eine Form, die Komfort und Kontur verschmilzt.

Alle drei definieren Luxus‑Sportstahl, aber nur die Nautilus trägt dieses melancholische Element von Sehnsucht in sich – sie wirkt weniger wie Ausrüstung und mehr wie ein Fenster nach draußen.
Das Phänomen der glücklichen Unbesitzbarkeit
Die meisten Menschen, die eine Nautilus wollen, werden sie nie besitzen. Wartelisten sind real, Preise entgleiten jeder Vernunft. Und doch endet die Geschichte nicht an diesem Punkt, sie beginnt dort erst richtig. Eine Nautilus zu haben, ist das eine. Sie zu verstehen, ist der eigentliche Reichtum. Sie anzuschauen, ihre Proportionen im Kopf zu speichern, jeden Freitag Bilder zu scrollen, das ist der Kick. Die Sehnsucht ist oft reiner als die Erfüllung.
Die Nautilus lebt in Foren, in denen Sammler über farbliche Nuancen streiten, die nur in Pixeln messbar sind. Sie lebt auf Instagram, wo ein Bild der 5711 tausende Likes einsammelt. Sie lebt in dem Moment, in dem man sie am Handgelenk eines Fremden erkennt und innerlich nickt, aus Respekt vor Geschmack und Zugang zu etwas, das fast niemand bekommt.

Das ist kein bloßer Konsumrausch, es ist eine Art Religion. Genta hasste Uhren, weil sie Zeit zählten. Die Nautilus zählt keine Zeit, sie verwandelt sich in Zeit. Sie wird zur Erinnerung an den Moment, in dem man sie zum ersten Mal sah, an den Namen, den man zum ersten Mal hörte, an die Hoffnung, sie irgendwann selbst zu tragen. Ein Mythos, der nicht am Handgelenk lebt, sondern im Kopf, in der Sehnsucht. Wie ein Schiff, das man jahrelang nur als Silhouette am Horizont sieht und trotzdem nie vergisst.
Vier Menschen, eine Nautilus
Der Purist jagt die 3700 oder frühe 3800 – für ihn ist die Nautilus eine Fußnote der Quarzkrise, die zum Kapitel geworden ist. Der Status‑Jäger will die 5711, gern in Grün oder Tiffany‑Blau, weil sie weniger Uhr als Zutrittsbadge zu einem sehr kleinen Club ist. Der Technik‑Nerd schaut auf 5740 und 5990: ewiger Kalender im Sportgehäuse, Travel Time Chronograph – für ihn ist die Nautilus eine Plattform, kein Endpunkt. Der Träumer speichert Screenshots, kennt jede Referenznummer auswendig und weiß, dass er sie vielleicht nie besitzen wird – aber genau darin liegt der Zauber.

Das Jahr der Ungewissheit oder des Spektakels
Wir sind im Februar 2026. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Genta seine Servietten‑Skizze machte. Fünfzig Jahre, in denen sich fast alles verändert hat, nur nicht die Nautilus. Sie ist noch da, noch immer Bullauge, noch immer schwer erreichbar. Ein Schiff, das nie in den Massenhafen einläuft, sondern draußen vor Anker bleibt.
Was wird Patek Philippe tun? Die Frage liegt wie Ballast im Bauch der Branche. 2016 zum 40. Jubiläum brachte das Haus die Ref. 5711/1P in Platin, etwa 700 Stück, limitiert, mit Gravur „1976–2016“ und Korkbox wie die Original‑3700. Eine leise, elegante, zurückhaltende Geste. Ein Fest für Sammler, kein Rausch für Spekulanten. Ein Signal: Wir ehren die Vergangenheit, wir machen aber keinen Zirkus daraus.
Für 2026 schwirren Gerüchte wie Möwen über einer Hafenmauer. Spekulationen besagen, Thierry Stern plane einen "größeren, besseren" Nachfolger für die 5711 – möglicherweise eine logische Evolution mit ultra-präzisem Kaliber, präziser als ein Tourbillon, langer Reserve über das Wochenende, Komplikationen wie Ewiger Kalender plus Chronograph oder Reisedatum plus Kalender. Kein Titan (nur für Unikate oder Spenden); potenziell Emaille-Zifferblätter oder seltene Handwerke. Eine 5811/1A in Stahl würde Wartelisten sofort in den Ausnahmezustand schicken. Eine ganz neue Ref. 5911 mit neuem Mikrorotor‑Kaliber würde bedeuten, dass Patek enorme Summen in eine Uhr investiert, die zur nächsten Hype‑Maschine werden könnte. Denkbar wären ein Platinmodell, eine tragbare Kunstedition, eine limitierte Neuauflage der 3700.
Oder Patek tut etwas, das radikaler wäre als jede Jubiläumsreferenz: gar nichts. Kein Sondermodell, keine limitierte Edition, nur ein stilles Jubiläumsjahr, um den Hype nicht weiter anzuheizen, sondern ihn bewusst auszubremsen. Das Ruder festhalten, statt bei jeder Welle nachzusteuern.
Stern hat mehrfach betont, dass er nicht will, dass Patek Philippe zur Nautilus‑Marke verkommt. Vielleicht ist die mutigste Antwort auf fünfzig Jahre Nautilus, die Legende nicht weiter aufzublasen, sondern sie einfach stehen zu lassen. Unsterblich, weil sie sich aus sich selbst nährt. Wie ein Schiff, das seinen Kurs gefunden hat und nicht mehr jedem Wind hinterherläuft. Eine leise, aber harte Luxusstrategie.
Was man aus 50 Jahren Nautilus lernt
Wenn man fünfzig Jahre Nautilus auf einen Gedanken reduziert, dann diesen: Eine Uhr kann mehr sein als ein Objekt und weniger als ein Produkt – sie kann eine Haltung sein. Sie erzählt, dass Luxus dann interessant wird, wenn er gegen seine eigene Tradition verstößt, Stahl statt Gold wählt, Korkbox statt Tresor und Bullauge statt Barock. Sie zeigt, wie weit Begehrlichkeit treiben kann, wenn eine Form stimmt und eine Marke den Mut hat, sie nicht permanent zu erklären.
Der Mythos ist vollendet
Gérald Genta starb 2011, lange bevor der 5711‑Wahnsinn seinen Höhepunkt erreichte. Er erlebte die Wartelisten nicht, die Graumarkt‑Preise nicht, nicht die Foren, in denen Menschen über Millimeter‑Differenzen diskutieren. Er sah nur eine Uhr, die er entworfen hatte und die funktionierte. Nicht, weil sie technisch überlegen war, sondern weil sie richtig war.
Die Servietten‑Skizze, ob nun genau so passiert oder nicht, bleibt das perfekte Bild für echte Innovation. Nicht kompliziert, nicht theoretisch, nicht im Komitee geboren, sondern in Minuten. Fünf Minuten für ein halbes Jahrhundert. Das ist keine Design‑Theorie, das ist Instinkt.
Fünfzig Jahre später sitzt die Nautilus wie eine Sphinx in der Landschaft der Uhrenindustrie. Geheimnisvoll, kraftvoll, unverrückbar und doch ständig neu interpretiert. Die Ref. 3700 von 1976 ist heute teurer als damals, die 5711 ist zur Legende der Knappheit geworden, die 5811 trägt das Feuer des Begehrens weiter.

Die Nautilus hat Patek Philippe nicht definiert, sie hat das Haus befreit. Sie hat ihm die Last genommen, nur extrem dünne, hochkomplizierte Golduhren bauen zu müssen. Sie hat ein Porträt entworfen, das sagt: Eleganz ist kein Material, Eleganz ist eine Idee. In dieser Idee kann auch Stahl glänzen.
Für Enthusiasten ist die Nautilus eine Meisterklasse im Design. Für Sammler ist sie ein Schlüssel zu einer Welt, die den meisten verschlossen bleibt. Für Träumer ist sie das, was jede echte Ikone ist: unerreichbar, unwiderstehlich, unvergesslich.
Ob die Nautilus in diesem Jahr um zwanzig neue Referenzen wächst oder ob sie einfach weitermacht wie bisher, wird am Ende keine Rolle spielen. Der Mythos ist längst fertig erzählt. Die Bullaugen‑Revolution hat gewonnen. Die Nautilus wird weitersegeln, stabil wie das Meer, das sie inspiriert hat, während um sie herum alles kommt und geht. Am Ende bleibt sie das, was sie immer war: eine Form gegen die Zeit, ein Bullauge gegen den Sturm.
Herzlichen Glückwunsch zum fünfzigsten Jubiläum, Nautilus.

Appendix: Die Mini‑Timeline von 1976 bis heute
- 1976 – Ref. 3700/1A „Jumbo“ debütiert als erste Nautilus in Stahl, 42 mm, ultraflach, Bullauge gegen die Quarzkrise
- 1977 – Philippe Stern wird Generaldirektor; Erste Komplikationen (z. B. Caliber 240 mit Mikrorotor)
- 1980 – Damen‑Ref. 4700 erscheint, 27 mm, oft in Gold oder Quarz
- 1981 – Ref. 3800/1A bringt die Midsize‑Nautilus mit 37,5 mm und Kaliber 335 SC
- 1982 – Erweiterung der 3800/1A mit breiteren Konfigurationen
- 1996 – Erste Modelle mit römischen Ziffern (z. B. Ref. 3800/1JA Bicolor)
- 1998 – Ref. 3710/1A mit Gangreserveanzeige und römischen Ziffern bei 12 Uhr
- 2004–2006 – Ref. 3711/1G (Weißgold) und 3712/1A (Gangreserve, Mondphase) als Vorboten der modernen Ära
- 2006 – Ref. 5711/1A startet als neue Drei‑Zeiger‑Ikone; dazu 5980/1A Chronograph und 5712/1A mit Mondphase
- 2009 – Genta überarbeitet Damen-Modelle (32 mm, Diamant-Lünette)
- 2010 – Ref. 5726/1A erweitert die Linie um den Jahreskalender
- 2014 – Ref. 5990/1A vereint Travel Time und Chronograph in einer Nautilus
- 2016 – Ref. 5711/1P in Platin und 5976/1G feiern 40 Jahre Nautilus
- 2018 – Ref. 5740/1G bringt den ewigen Kalender ins Bullaugen‑Gehäuse
- 2019 – Wechsel zu Kaliber 26-330 SC; Erstes weißes Zifferblatt (Ref. 5980/1A-19)
- 2021 – Discontinuation der 5711/1A letzte Varianten in Grün und als „Tiffany Blue“
- 2022 ff. – Ref. 5811/1G führt das Drei‑Zeiger‑Erbe der Nautilus fort