Biver AB: Ab in den Alltag, aber bitte vorsichtig
Biver AB: Ab in den Alltag, aber bitte vorsichtig
Biver bewirbt seine erste Stahluhr als Begleiter für jeden Tag. Unter dem Stahl stecken Weißgold, ein Zifferblatt aus Gold mit Onyxring und ein Werk, das zweimal zusammengebaut wird. Die Frage ist, wie viel Alltag in so viel Sammlerstück passt.
Druck von oben
Wer auf der Produktseite von Bivers erster Stahluhr nach unten scrollt, stößt auf drei Sätze, die mehr versprechen als jede technische Angabe darunter. Sinngemäß heißt es dort, die AB sei unter schwierigen Bedingungen entstanden und werde deshalb auch mit den Strapazen ihres Besitzers fertig. Am Schluss steht die Aufforderung, sie einfach zu tragen, jeden Tag und ohne Schonung. Von einer Marke, deren Uhren bisher durchweg aus Edelmetall bestehen, klingt das ungefähr so, als würde ein Juwelier seine Kunden bitten, mit dem Collier den Rasen zu mähen. Ich nehme die Ansage trotzdem ernst, denn die Uhr tut einiges, um sie zu erfüllen. Am Aufwand, den sie dafür treibt, sieht man auch, wie wenig von ihr tatsächlich Alltagsware ist.
Die Biver AB aus der Kollektion Manual Wind ist eine Handaufzugsuhr mit 38 Millimetern Durchmesser und 9,8 Millimetern Höhe. Ihr Gehäuse ist das erste der Marke aus Stahl, ihr Kaliber JCB-004 das erste mit Handaufzug. Beides wurde eigens für diese Uhr entwickelt, das Werk nach Angaben aus der Fachpresse zusammen mit dem Entwicklungsatelier Le Cercle des Horlogers.
Die AB am Stahlband. Bild: Biver.
Die Werktagsabteilung
Bei einer Gebrauchsuhr zählen zuerst die nüchternen Werte. Bei der AB passen sie. Die Wasserdichtigkeit liegt bei 8 ATM, also acht Atmosphären oder umgerechnet 80 Metern. Das genügt für Regen, Händewaschen und ein Bad im Meer. Mit weniger als zehn Millimetern Höhe rutscht sie unter eine Hemdmanschette, falls ihr Träger das will. Der Durchmesser von 38 Millimetern dürfte an schmalen wie an kräftigen Handgelenken funktionieren. Das schließe ich nur aus den Maßen, am Arm hatte ich die Uhr nicht.
Am meisten gefällt mir ein Detail, das mit Luxus wenig zu tun hat. Über ein patentiertes Ausgleichsglied lässt sich das Band um ein halbes Glied verstellen, nach Bivers Angabe um vier Millimeter. Wer ein Metallband trägt, kennt das Problem, dass es morgens locker sitzt und an heißen Tagen drückt. Solche Kleinigkeiten entscheiden darüber, ob eine Uhr am Handgelenk landet oder in der Schublade. Zusätzlich liegt ein anthrazitfarbenes Lederband aus Kalbsleder bei.
Auch beim Werk hat jemand an den Besitzer gedacht. Zwei Federhäuser, also die kleinen Trommeln, in denen die aufgezogene Zugfeder ihre Kraft speichert, sorgen für rund 120 Stunden Gangreserve. Biver rechnet es selbst vor: Wer die Uhr am Freitag aufzieht, kann sie bis in die nächste Woche hinein laufen lassen. Für eine Uhr, die angeblich jeden Tag getragen werden will, ist das eine bemerkenswert großzügige Wochenendregelung. Unter der Zwölf zeigt ein goldener Stift auf einem schmalen Bogen, wie viel Kraft noch übrig ist. Beim Ziehen der Krone springt die kleine Sekunde auf null. Mit dieser Nullstellung, die Biver Zero-Reset nennt, lässt sich die Uhr auf die Sekunde stellen, etwa nach dem Funksignal des Telefons. Das ist eine kleine Funktion, die man öfter benutzt als manche große.
Zifferblatt mit Onyxring und Minuterie aus Gold. Bild: Biver.
Gold mit Sonnenbrille
So weit spräche alles für eine durchdachte Gebrauchsuhr. Dann schaut man auf das Zifferblatt. Es besteht aus massivem 18-karätigem Gold in der Farbe 2N, einer genormten Schweizer Goldtönung, die etwas heller und blasser wirkt als das kräftigere 3N. Darüber liegt DLC, kurz für Diamond-Like Carbon, eine hauchdünne Kohlenstoffschicht, die fast so hart ist wie Diamant und das Gold hier dunkelgrau färbt. Das Edelmetall trägt also Sonnenbrille, damit es auf der Straße niemand erkennt. Den Rand bildet ein polierter Ring aus Onyx, einem schwarzen Schmuckstein aus der Quarzfamilie. Auf ihm sitzt direkt die goldene Minutenteilung. Auch die Zeiger sind aus 2N-Gold.
Man kann darin Ironie sehen oder Konsequenz, ich sehe beides. Die Uhr soll aus Stahl sein. Biver baut ihr dafür ein goldenes Zifferblatt, das man unter der Beschichtung kaum noch als Gold erkennt. Im Alltag ist es egal, woraus das Blatt unter dem DLC besteht, für das Selbstbild der Marke offenbar nicht. Dazu kommt, dass Onyx als Stein harte Schläge schlechter wegsteckt als Metall. Ob das je eine Rolle spielt, lässt sich anhand der Fotos nicht sagen, schließlich liegt das Saphirglas darüber. Auffällig bleibt, dass ausgerechnet die robusteste Biver das empfindlichste Material am Zifferblatt trägt, wie eine Werkzeugkiste mit Porzellangriff.
Die Wahrheit steht auf dem Boden
Auf der Rückseite wird der Widerspruch beinahe komisch. In den Gehäuseboden ist das Wort Acier graviert, Französisch für Stahl, wie es als Materialangabe üblich ist. Nur wenige Millimeter daneben sieht man durch das Saphirglas Platine und Brücken aus PD210, einer Weißgoldlegierung mit hohem Palladiumanteil, die Biver auch in seinen anderen Werken verwendet. Das Räderwerk, also die Kette von Zahnrädern, die die Kraft vom Federhaus zur Hemmung weiterleitet, ist aus 2N-Gold gefertigt. Die Gravur stimmt also, sie erzählt nur die kürzere Hälfte der Geschichte, ungefähr wie das Etikett „Tafelwein“ auf einer Flasche, in der ein Grand Cru liegt.
Kaliber JCB-004 hinter dem Saphirglasboden. Bild: Biver.
Das Werk arbeitet mit 21.600 Halbschwingungen pro Stunde, das entspricht drei Hertz. Diese eher gemächliche Frequenz spart Energie und passt gut zur langen Gangreserve. Es läuft in 32 Lagersteinen, synthetischen Rubinen, die an den stark beanspruchten Stellen die Reibung mindern. Beim Blick durch den Boden fallen zuerst die beiden großen Zahnräder über den Federhäusern auf, die Unruh sitzt weiter unten am Rand. Nach Angaben aus der Fachpresse hat Biver bei diesem Kaliber auf einige der aufwendigsten Verzierungen früherer Werke verzichtet und die Brücken sandgestrahlt, mit polierten Kanten. Mir gefällt diese matte, körnige Oberfläche besser als eine Fülle von Guillochen, also maschinell gravierten Ziermustern. Wer schon Weißgold als Arbeitsmaterial verbaut, muss es nicht auch noch frisieren.
Doppelt hält besser
Bei der Fertigung zeigt Biver selbst, wo die Alltagstauglichkeit endet, ohne es auszusprechen. Jede AB baut ein einziger Uhrmacher von Anfang bis Ende. Er setzt die Uhr zunächst komplett zusammen, zerlegt sie danach wieder vollständig, reinigt alle Teile und montiert sie ein zweites Mal. Das erinnert an einen Umzug, bei dem man alle Kisten packt, wieder auspackt, jedes Teil abwischt und dann erst endgültig einräumt. Danach folgen drei Wochen Prüfungen auf Wasserdichtigkeit, Gangreserve und Ganggenauigkeit. Auch das Band besteht nach Herstellerangabe aus mehr als 300 Einzelteilen, die alle von Hand bearbeitet und zusammengesetzt werden.
Einen solchen Aufwand kennt man eher von großen Komplikationen als von einer Uhr, die man beim Kajakfahren tragen soll. Übertrieben finde ich ihn nicht. Der doppelte Zusammenbau ist ein bewährter Weg, Fehler im Werk zu finden, bevor der Kunde sie bemerkt. Er erklärt den Preis besser als jedes Datenblatt. Laut Fachpresse kostet die AB 68.000 Schweizer Franken ohne Steuern, die Marke selbst nennt auf ihrer Website keinen Betrag. Damit ist sie das günstigste Modell im Programm. Bei Biver beginnt der Einstieg also dort, wo die meisten anderen Marken längst den Ausstieg markiert hätten.
Das fünfreihige Band, erstmals in Stahl. Bild: Biver.
Wer jetzt unter Druck steht
Das Band lohnt einen zweiten Blick, weil sich an ihm die beiden Seiten der AB am deutlichsten zeigen. Es hat fünf Reihen Glieder, deren Oberseiten abwechselnd gebürstet und poliert sind, die Unterseite ist durchgehend poliert. Bisher hat Biver dieses Band nur aus Edelmetall gefertigt. In Stahl wird es leichter und im Material günstiger, in der Herstellung aber nicht einfacher. Auf den Fotos glänzen die polierten Kanten so makellos, als hätten sie noch nie eine Schreibtischplatte gesehen. Nach einigen Monaten im Büro werden sie vermutlich die ersten feinen Kratzer zeigen, was bei Stahl kein Unglück ist.
Den Rest der Uhr hat Biver nicht billiger gemacht, nur dunkler. Die Kunden bekommen ein Gehäuse, um das sie sich weniger Sorgen machen müssen. Darin steckt ein Innenleben, um das sie sich mehr Sorgen machen dürfen als bei den meisten anderen Stahluhren. Für mich ist die AB die bislang interessanteste Uhr der Marke, weil sie diesen Zwiespalt nicht auflöst. Ihre praktischen Lösungen sind ernst gemeint und gut, vom halben Bandglied bis zur Nullstellung der Sekunde.
Bleibt der Werbetext vom Anfang. Die AB sei unter Druck entstanden und halte deshalb den Druck ihres Besitzers aus, so lautet das Versprechen sinngemäß. Ich glaube der Uhr das sofort. Unter Druck steht ab jetzt der Besitzer, spätestens beim ersten Kratzer auf einer Bandkante, die er mit einem fünfstelligen Frankenbetrag mitbezahlt hat.
Das Gehäuse bleibt unter zehn Millimetern. Bild: Biver.
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