Die neue Girard-Perregaux Laureato: ein Unfall, der keiner ist
Die neue Girard-Perregaux Laureato: ein Unfall, der keiner ist
Stahl, Roségold, braunes Clous-de-Paris-Blatt und Kautschuk: Auf dem Papier klingt diese Laureato wie ein Unfall im Herrenausstatter. Am Handgelenk dürfte sie eher wie ein ziemlich guter Einfall wirken.
Wenn Roségold nicht prahlt, sondern räuspert
Bicolor ist in der Uhrmacherei ein heikler Stoff, ungefähr wie Samt in der Herrenmode. Richtig eingesetzt, besitzt er Haltung. Falsch dosiert, sieht er aus wie ein Bankberater auf dem Weg zum Clubhaus. Die Girard-Perregaux Laureato Chronograph 42 mm mit der Referenz 81020-56-3578-1CX bewegt sich erfreulich nah an der ersten Möglichkeit. Ihr Roségold will gesehen werden, hat aber offenbar gelernt, im Restaurant nicht nach dem Preis der Weinflasche zu fragen.
Der schwierige Teil dieser Uhr steckt nicht in einem einzelnen Material, sondern in der Gästeliste. Ein Gehäuse aus 904L-Edelstahl trifft auf Lünette, Krone und verschraubte Drücker aus 18-karätigem Roségold, dazu kommen ein braunes Clous-de-Paris-Zifferblatt und ein ebenso braunes Kautschukband. Jedes dieser Elemente könnte den Abend allein bestreiten. Girard-Perregaux setzt trotzdem alle an denselben Tisch und verhindert knapp, dass schon vor der Vorspeise über Yachtgrößen gesprochen wird.
Das gelingt, weil die Laureato nicht versucht, ihre Opulenz als Zurückhaltung zu verkaufen. Sie ist warm, sichtbar luxuriös und mit 42 Millimetern keineswegs scheu. Das braune Kautschukband zieht ihr jedoch rechtzeitig die glänzenden Schuhe aus. Übrig bleibt eine Sportuhr, die zum Abendessen etwas zu gut angezogen erscheint und trotzdem als Erste die Ärmel hochkrempelt.

Laureato Chronograph 42 mm, Ref. 81020-56-3578-1CX, mit Gehäuse aus 904L-Edelstahl und Bedienelementen aus Roségold / Foto: Girard-Perregaux
Braun ist keine Farbe, sondern ein Risiko
Braun kann an einer Uhr nach Cognacsessel, Zigarrenschrank und einer Ledermappe riechen, in der seit 1987 dieselben Versicherungsunterlagen liegen. Auf dieser Laureato funktioniert die Farbe, weil sie nicht als glatte Fläche serviert wird. Das Clous-de-Paris-Muster zerlegt das Licht in winzige Pyramiden, während die konzentrisch gerillten Totalisatoren eine zweite Struktur darüberlegen. Aus einer schweren Farbe wird Bewegung.
Diese Körnung ist wichtig, denn Braun und Roségold bilden gemeinsam schnell jene geschmackliche Süße, bei der selbst die Haselnusstorte nach einem bitteren Espresso verlangt. Die scharf gezeichnete Geometrie der Laureato liefert diesen Gegenreiz. Ihre achteckige Lünette liegt auf einem runden Ring, das Ganze sitzt auf einem tonneauförmigen Gehäuse. Keine Form darf den Raum allein behalten. Darin liegt seit jeher die Stärke des Entwurfs.
Die Anzeigen sind klassisch verteilt. Bei 3 Uhr zählt der Chronograph 30 Minuten, bei 6 Uhr zwölf Stunden, bei 9 Uhr läuft die kleine Sekunde. Das Datum sitzt zwischen 4 und 5 Uhr und versucht mit weißer Schrift auf braunem Grund möglichst wenig aufzufallen. Vollständig gelingt ihm das nicht. Es bleibt der leicht schief gestellte Stuhl in einem ansonsten sorgfältig eingerichteten Salon. Man bemerkt ihn, auch wenn niemand darüber sprechen möchte.
Hinzu kommt eine weniger offensichtliche Frage der Proportion. Das Werk misst offiziell 25,95 Millimeter, während das Gehäuse 42 Millimeter breit ist. Entsprechend rücken die drei Hilfszifferblätter zur Mitte. Der großzügige äußere Bereich gibt dem Clous de Paris zwar viel Bühne, die Anzeigen wirken jedoch ein wenig, als hätten sie sich für ein Gruppenfoto zusammengerottet. Das ist kein konstruktiver Fehler, aber ein sichtbarer Hinweis darauf, dass Gehäuse und Kaliber nicht füreinander neu erfunden wurden.

Das Zifferblatt kombiniert Clous de Paris, kreisförmig gerillte Totalisatoren und ein farblich angepasstes Datum bei 4.30 Uhr / Foto: Girard-Perregaux
1975 kam die Zukunft mit Batterie
Die Laureato wurde 1975 vorgestellt, doch wer daraus eine ununterbrochene Geschichte mechanischer Sportuhren strickt, legt der Vergangenheit nachträglich ein hübscheres Hemd an. Das erste Modell hieß Quartz Chronometer und wurde von Girard-Perregaux mit einem eigenen Quarzwerk ausgestattet. In einer Gegenwart, die Quarz gern wie den Plastikstuhl auf der Terrasse der Haute Horlogerie behandelt, wirkt das fast erklärungsbedürftig. Damals stand die Technik für Fortschritt, Präzision und schweizerischen Überlebenswillen.
Girard-Perregaux hatte bereits 1971 Quarzuhren in Serie gebracht und trug dazu bei, die heute übliche Frequenz von 32.768 Hertz zu etablieren. Die Laureato war deshalb keine mechanische Trutzburg gegen eine elektronische Zukunft, sondern Teil dieser Zukunft. Ihr Entwurf verband technische Modernität mit jener neuen Idee luxuriöser Sportlichkeit, die in den Siebzigern plötzlich Kanten tragen durfte.
Auch der Name entstand weniger monumental, als spätere Markengeschichten vermuten lassen. Laut Girard-Perregaux wurde der zunächst als Quartz Chronometer angebotene Entwurf in Italien bald Laureato genannt, also Absolvent oder Diplomierter. Die Bezeichnung spielte auf Präzision und Auszeichnung an und wurde schließlich von der Manufaktur übernommen. In der heutigen Kommunikation steht der Name gern für Erfolg, Prestige und Anerkennung. Markenarchive altern eben wie Familiengeschichten: Mit jedem Jubiläum sitzt die Krawatte etwas gerader.
Trotzdem besitzt die Laureato eine eigene gestalterische Identität. Sie muss weder als Royal Oak mit höflicheren Ellbogen noch als Nautilus ohne Seereise erklärt werden. Ihre Lünette wirkt weniger wie ein befestigtes Bauwerk als wie eine Terrasse, die im Abendlicht noch gut aussehen möchte. Die runden Übergänge nehmen der Geometrie ihre Härte, während gebürstete und polierte Flächen verhindern, dass alles in mediterraner Milde zerfließt.
Die aktuelle mechanische Modellfamilie geht auf die Wiederbelebung von 2016 zurück und wurde seitdem stark ausgebaut. Diese Bicolor-Ausführung greift also einen Entwurf von 1975 auf, gehört technisch und konstruktiv aber zur modernen Laureato Chronograph. Sie ist kein wiederentdecktes Originalrezept, sondern eine heutige Variation mit sehr brauchbarem Gedächtnis.
Kautschuk rettet die Uhr vor dem eigenen Schmuck
An einem zweifarbigen Metallband hätte diese Laureato leicht so ausgesehen, als würde sie nicht die Zeit, sondern den Mindestumsatz am Nebentisch messen. Das integrierte braune Kautschukband verhindert diesen Absturz. Es nimmt das Clous-de-Paris-Motiv des Zifferblatts wieder auf, läuft ohne metallisches Zwischenstück an das Gehäuse und endet in einer Faltschließe aus Edelstahl.
Kautschuk macht die Uhr nicht bescheiden, aber glaubwürdiger. Er verhält sich zum Roségold wie ein guter Sneaker zum Kaschmirmantel: kein Akt der Rebellion, sondern eine notwendige Entkrampfung. Zugleich dürfte das Band die optische Masse des 42 Millimeter breiten und 50,5 Millimeter langen Gehäuses am Handgelenk etwas mildern. Ob die Uhr tatsächlich komfortabel sitzt, lässt sich ohne Trageerfahrung nicht seriös behaupten. Auf dem Papier bleibt sie ein ausgewachsener Chronograph, nicht die schlanke Sportuhr, die manche Produktbilder aus günstiger Perspektive versprechen.
Mit 12,16 Millimetern Höhe fällt sie für einen automatischen Chronographen vernünftig aus, und 100 Meter Wasserdichtigkeit geben ihrer sportlichen Rolle mehr Substanz als ein perforiertes Lederband und ein Rennfahrerfoto. Auch Krone und Chronographendrücker sind verschraubt. Für einen gewöhnlichen Sprung ins Wasser reicht das, sofern vorher niemand vor lauter Roségold vergisst, die Verschraubungen zu schließen.
419 Teile und eine unbequeme Fußnote
Durch den Saphirglasboden ist das automatische Kaliber GP03300-2761 zu sehen. Girard-Perregaux nennt 419 Komponenten, 63 Lagersteine und eine Frequenz von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde. Die Dekoration umfasst unter anderem Genfer Streifen, Perlage, Anglierungen, polierte und satinierte Flächen sowie einen skelettierten Rotor. Das Werk sieht ordentlich aus und stammt nicht aus einem anonymen Einkaufskorb.
Die Bezeichnung Manufakturkaliber erzählt dennoch nur die halbe Geschichte. Das GP03300 verbindet Girard-Perregauxs eigenes Kaliber 3300 als Basis mit einem daraufgesetzten Chronographenmodul. Es handelt sich also nicht um einen von Grund auf integrierten Chronographen. Eine modulare Konstruktion ist weder automatisch minderwertig noch unzuverlässig, doch bei einem Listenpreis von 26.800 Euro darf man wissen, welche Architektur unter dem Zifferblatt arbeitet. Der Maschinenraum trägt Abendgarderobe, wurde aber nicht eigens für diesen Ball gebaut.
Auch die Gangreserve von mindestens 46 Stunden wirkt 2026 eher ordentlich als großzügig. Legt man die Uhr am Freitagabend ab, kann sie am Sonntag bereits um Aufmerksamkeit bitten. Bei einem Chronographen mit 419 Teilen ist das technisch erklärbar, im heutigen Markt aber kein Glanzpunkt. Girard-Perregaux hat mit dem neueren GP4800 in den Dreizeigermodellen längst gezeigt, dass die eigene Entwicklung weitergezogen ist. Das GP03300 bleibt robust und dekoriert, steht jedoch eine technische Generation hinter dem aktuellen Taktgeber der Laureato Familie.

Das GP03300-2761 basiert auf dem hauseigenen Kaliber 3300 und trägt ein Chronographenmodul / Foto: Girard-Perregaux
Fünfzig Stück sind noch keine Limited Edition
Zum Marktstart kündigte Girard-Perregaux eine erste Produktionscharge von 50 Exemplaren an. Daraus wurde in manchen Meldungen eine limitierte Auflage, doch dafür fehlt die entscheidende Formulierung des Herstellers. SJX bezeichnet das Modell ausdrücklich als nicht limitiert, Fratello spricht ebenfalls nur von einem initialen Lauf von 50 Stück. Die offizielle Produktseite führt die Referenz inzwischen als ausverkauft, nennt aber keine nummerierte Limitierung.
Dieser Unterschied ist klein genug für eine Pressemitteilung und groß genug für einen Kauf. Eine echte Limited Edition verspricht eine feste Obergrenze. Eine erste Charge von 50 Uhren sagt lediglich, wie vorsichtig die Manufaktur den Fuß ins braune Wasser gestellt hat. Weitere Exemplare sind damit nicht zugesagt, aber auch nicht ausgeschlossen.
Vorsicht erscheint angesichts der Kombination nachvollziehbar. Braun, Roségold und Kautschuk sind kein automatischer Bestseller für Menschen, die ihre Sammlung nach Tabellenkalkulation aufbauen. Doch der kleine Produktionsstart funktioniert zugleich wie eine kostenlose Aura. Was ohnehin speziell aussieht, erhält vorsorglich einen Türsteher. Luxusmarken nennen das Exklusivität; die Buchhaltung nennt es ein überschaubares Risiko.
Der europäische Einführungspreis von 26.800 Euro verlangt derweil nach mehr als gelungener Farbdramaturgie. Dafür bekommt man eine charakterstarke, gut verarbeitete Manufakturuhr mit 904L-Stahl, Roségoldelementen, aufwendig strukturiertem Blatt und eigenständiger Formensprache. Man bekommt aber keinen neu entwickelten integrierten Chronographen und keine zeitgemäß üppige Gangreserve. Der Preis sitzt also selbstbewusster am Tisch als die Technik.

Das braune Kautschukband übernimmt das Clous-de-Paris-Motiv und hält die Bicolor-Komposition auf der sportlichen Seite / Foto: Girard-Perregaux
Under Consideration: Geschmack mit kontrolliertem Risiko
Die Laureato Chronograph 42 mm Ref. 81020-56-3578-1CX ist nicht makellos, aber erstaunlich gut balanciert. Das Datum stört die Symmetrie, die Totalisatoren stehen konstruktionsbedingt eng beieinander, das modulare GP03300 bietet nur 46 Stunden Gangreserve und der Preis tritt auf, als hätte er von all dem nichts gehört. Das sind keine Randnotizen, sondern Punkte, die vor einer Kaufentscheidung auf den Tisch gehören.
Gestalterisch bleibt die Uhr überzeugend, weil sie Risiken eingeht, die zu ihrem Charakter passen. Das braune Blatt besitzt Tiefe, das Roségold wärmt die Architektur, und das Kautschukband verhindert, dass aus Bicolor ein tragbares Treueprogramm fürs Clubhaus wird. Viele Luxus-Sportuhren sichern sich mit Stahl und Blau gegen jeden möglichen Einwand ab, bis am Ende nur noch ein sehr teurer Konsens am Handgelenk sitzt. Diese Laureato erlaubt sich eine Meinung.
Ihre stärkste Pointe liegt deshalb nicht in der kleinen ersten Produktionscharge und auch nicht in der Komponentenanzahl. Sie liegt in der Beherrschung des beinahe Zuviels. Roségold, Braun, Chronograph und Clous de Paris treten gemeinsam auf, ohne sich gegenseitig aus dem Bild zu drängen. Das Roségold prahlt nicht. Es räuspert sich, wartet einen Moment und bestellt dann doch die bessere Flasche.
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