Ein Planetarium für drei Besitzer: Jaeger-LeCoultres Atmos Tellurium zwischen Wunder und Vitrine
Ein Planetarium für drei Besitzer: Jaeger-LeCoultres Atmos Tellurium zwischen Wunder und Vitrine
Jaeger-LeCoultre und Marc Newson machen aus der Atmos ein kosmisches Objekt für den Innenraum. Das ist technisch hinreißend, ästhetisch kühn und zugleich ein wenig zu sehr Juwelier-Schneekugel für Menschen, die ihre Ewigkeit gern auf einem Sockel aus Kalbsleder parken.
Der Mönch im Opernumhang
Die Atmos Hybris Artistica Tellurium by Marc Newson sieht aus, als habe ein Planetarium beschlossen, in den Salon umzuziehen. Unter einer nahezu kugelförmigen Glashaube kreisen Erde und Mond um eine Sonne aus Rotgold, während 539 blaue Saphire auf der Außenseite die Sterne geben. Das Ganze ruht auf einem tiefblauen Sockel und besitzt die stille Unverschämtheit eines Objekts, das nicht fragt, ob der Raum schon eingerichtet ist. Es geht davon aus, dass der Raum sich anpassen wird.
Eine gewöhnliche Atmos ist bereits ein höflicher Fremder im Haus. Sie verlangt keinen täglichen Aufzug, kein Stromkabel und keine Bewegung des Besitzers, registriert aber die kleinste Veränderung der Raumtemperatur und verwandelt sie in Energie. Marc Newson hat diesem beinahe klösterlichen Wesen nun einen Opernumhang umgelegt. Der Stoff besteht aus Glas, Saphiren, Meteoritenmaterial, Rotgold und blau eloxiertem Aluminium. Bescheidenheit steht nicht auf der Zutatenliste.
Die vollständige Bezeichnung ist entsprechend ausladend: Jaeger-LeCoultre Atmos Hybris Artistica Tellurium by Marc Newson, Referenz Q5765310. Vorgestellt wurde sie im April 2026 während der Milan Design Week, limitiert ist sie auf drei Exemplare. Jaeger-LeCoultre veröffentlicht keinen Preis. Wer bei einem Objekt mit 539 Saphiren noch nach einem Preisschild sucht, hat vermutlich ohnehin den falschen Salon betreten.

Atmos Hybris Artistica Tellurium by Marc Newson, Ref. Q5765310 / Foto: Jaeger-LeCoultre
Die Uhr, die von einem Grad zwei Tage lebt
Das eigentliche Wunder sitzt nicht im Edelsteinbesatz, sondern hinter dem Werk. Die 1928 vom Schweizer Ingenieur Jean-Léon Reutter entwickelte und später von LeCoultre zur Serienreife gebrachte Atmos nutzt Schwankungen der Umgebungstemperatur als Energiequelle. In einer hermetisch verschlossenen Kapsel befindet sich ein Gasgemisch. Erwärmt es sich, dehnt es sich aus; kühlt es ab, zieht es sich zusammen. Eine Membran überträgt diese Bewegung auf die Zugfeder. Aus dem thermischen Ein und Aus entsteht mechanischer Aufzug, ein Akkordeon aus Molekülen mit ausgesprochen guten Tischmanieren.
Jaeger-LeCoultre gibt an, dass eine Temperaturänderung von einem Grad Celsius genügend Energie für ungefähr 48 Stunden Betrieb liefert. Ganz ohne äußere Energie läuft die Atmos damit nicht, und ein echtes Perpetuum mobile ist sie selbstverständlich ebenfalls nicht. Sie erntet lediglich so wenig Energie so effizient, dass der Unterschied im Wohnzimmer beinahe philosophisch wirkt. Bleibt die Temperatur vollkommen konstant, versiegt auch der Nachschub. Die Uhr lebt von Luft, genauer gesagt von deren thermischer Unruhe.
Diese Sparsamkeit bestimmt ihre gesamte Architektur. Die ringförmige Unruh bewegt sich extrem langsam; beim Kaliber 590 nennt der Hersteller zwei Schwingungen innerhalb von 60 Sekunden. Eine klassische Armbanduhr arbeitet im selben Zeitraum viele tausend Halbschwingungen ab und sieht daneben aus wie ein Kolibri nach einem doppelten Espresso. Die Atmos behandelt Zeit nicht als Wettkampf, sondern als geologische Höflichkeit.
Bei einem so sparsamen Mechanismus wird jede zusätzliche Funktion heikel. Komplikationen verbrauchen Energie, und Energie ist in diesem System kein gut gefülltes Bankkonto, sondern Kleingeld zwischen den Sofakissen. Dass Jaeger-LeCoultre ausgerechnet Erde, Sonne und Mond dreidimensional bewegen lässt, ohne das fragile Gleichgewicht zu ruinieren, macht das Kaliber 590 technisch interessanter als der gesamte Sternenschmuck darüber.
Ein Sonnensystem, das auf einen Beistelltisch passt
Ein Tellurium bildet die relativen Bewegungen von Erde, Mond und Sonne mechanisch nach. Der Begriff verweist auf astronomische Modelle, die nach der Verbreitung des heliozentrischen Weltbilds in der Renaissance entstanden und später mit Uhrwerken kombiniert wurden. Jaeger-LeCoultre übertrug dieses Prinzip 2022 erstmals auf das Kaliber 590. Die Newson-Ausführung von 2026 ist daher keine neue Mechanik, sondern die zweite, sehr viel aufwendiger inszenierte Ausgabe der komplexesten Atmos, die die Manufaktur bislang gebaut hat.
Im Zentrum sitzt eine Sonne aus poliertem 18-karätigem Rotgold. Ihr längster Strahl weist auf das aktuelle Tierkreiszeichen, das in eine transluzente Scheibe aus blauem Saphirglas graviert ist. Darum liegt ein zweischichtiger Ring. Die obere Ebene trägt Minuten, Stunden und Jahreszeiten; darunter dreht sich ein Monatsring, dessen aktueller Eintrag bei 6 Uhr in einem Fenster erscheint.
Das kleine Erde-Mond-System kreist während eines Jahres um die zentrale Sonne. Die handbemalte Erde dreht sich innerhalb von 24 Stunden um ihre eigene Achse und zeigt damit Tag und Nacht. Der Mond umkreist die Erde in einem synodischen Monat und dreht sich zugleich so, dass seine Phasen sichtbar werden. Ein Keilgewicht hält dieses kleine Planetentheater im Gleichgewicht, während ein Ring aus Meteoritenmaterial darumliegt. Für eine Tischuhr ist das eine erstaunliche Besetzung. Manche Armbanduhren beschäftigen für weniger Handlung bereits drei Hilfszifferblätter und eine Presseabteilung.
Die Zeit lässt sich weiterhin ganz gewöhnlich über zwei zentrale Zeiger ablesen. Das klingt beinahe banal, verhindert aber, dass das Objekt vollständig zur astronomischen Skulptur wird. Zwischen all den Monaten, Jahreszeiten, Tierkreiszeichen und Himmelskörpern erledigt es noch den alten Beruf einer Uhr. Der Kosmos darf auftreten, muss sich aber an die Öffnungszeiten halten.

Auch auf der Rückseite bleibt die Mechanik innerhalb der gravierten Sternkarte sichtbar / Foto: Jaeger-LeCoultre
539 Sterne und die Gefahr der Boutique-Astronomie
Die Glaskugel misst zusammen mit dem Sockel 270 mal 285 Millimeter und trägt eine gravierte Karte von 64 Sternbildern, die überwiegend von der Nordhalbkugel aus sichtbar sind. In ihre äußere Oberfläche wurden 539 Saphire im Cabochonschliff eingelassen. Zusammen bringen sie ungefähr 32 Karat auf die Waage. Die abgerundeten Steine sollen wie frei im Glas schwebende Sterne wirken, wofür laut Jaeger-LeCoultre zahlreiche Versuche und neue Verfahren nötig waren.
Eine solche Beschreibung liegt gefährlich nahe an Boutique-Astronomie, jener Luxusdisziplin, die den Himmel nicht betrachtet, sondern möblieren möchte. Der Abstand zwischen poetischer Überhöhung und dekorativer Überfütterung ist schmal wie der Rand eines Soufflés. Einen Augenblick steht alles majestätisch da, im nächsten fällt das Pathos in sich zusammen und hinterlässt nur sehr teuren Nachtisch.
Newsons Formensprache hält die Konstruktion knapp auf der richtigen Seite. Seine Entwürfe verbinden gern technische Glätte mit einer fast kindlichen Rundung, als hätten Laborgerät und Bonbonniere nach Geschäftsschluss ein gemeinsames Projekt begonnen. Die Kugel macht aus dem Himmel keinen flachen Plan, sondern einen Innenraum. Man schaut nicht hinauf, sondern hinein, und die Saphire stehen weniger als Schmuck auf dem Werk, als dass sie dessen Umgebung definieren.
Zur Zurückhaltung zwingt sich dieses Objekt trotzdem nicht. Unter dem Globus liegt eine lasergravierte Platte mit der Oberfläche des Mondes, darunter folgt ein gerippter Sockel aus dunkelblau eloxiertem Aluminium. Die Werkplatten und die Unruh sind gebürstet, die Stunden- und Minutenskala besteht aus galvanisiertem Aluminium. Für Aufbewahrung und Präsentation gehört außerdem ein modularer, mit blauem Kalbsleder bezogener Unterbau dazu. Er wird von der Mailänder Manufaktur Serapian in ihrer seit 1947 verwendeten Mosaico-Technik von Hand geflochten. Selbst die Transportfrage trägt hier Abendgarderobe.
Alles ist gekonnt und kaum etwas zufällig. Doch Können besitzt Gewicht. Die klassische Atmos war stark, weil sie ihre technische Unwahrscheinlichkeit mit einer gewissen Ruhe trug. Newsons Tellurium graviert, besetzt, malt, lasert und flechtet, bis auch der letzte Kubikzentimeter verstanden hat, dass er Teil eines Meisterwerks sein soll. Es ist der Uhr gewordene Roman, in dem jeder Satz nach Bedeutung duftet.
Präzision für Menschen, die in Jahrhunderten planen
Jaeger-LeCoultre beziffert die Abweichung der Mondphasenanzeige auf einen Tag in 5.770 Jahren. Grundlage ist die mechanische Annäherung an den mittleren synodischen Monat von 29 Tagen, 12 Stunden, 44 Minuten und 2 Sekunden. Überprüfen kann diese Langzeitpräzision naturgemäß niemand durch geduldiges Danebensitzen. Sie ergibt sich aus dem Übersetzungsverhältnis des Räderwerks, und als technische Herstellerangabe ist sie konsistent mit der bereits 2022 vorgestellten Ausführung des Kalibers 590.
Für die Jahresanzeige nennt die Manufaktur einen mechanischen Zyklus von 365,2466 Tagen und eine Abweichung von lediglich einem Tag innerhalb von 390 Jahren. Solange die Atmos in Betrieb bleibt, soll der Kalender deshalb erst 2416 korrigiert werden müssen. Das ist Herstellerpräzision mit sehr langer Beweisfrist: Wenn die Anzeige ihren ersten Tag verliert, ist die heutige Käuferschaft längst Teil der Familienchronik.
Praktisch sind beide Zeiträume von überwältigender Nutzlosigkeit, was ihren Reiz kaum mindert. Niemand kauft eine Tischuhr, weil die Erben des Jahres 2416 sonst den März verwechseln könnten. Solche Präzision erfüllt denselben Zweck wie ein Dom, der höher ist, als sein Dach es zum Schutz vor Regen sein müsste. Sie macht aus technischer Beherrschung eine kulturelle Geste und aus dem Räderwerk einen kleinen Einspruch gegen die eigene Lebensdauer.

Erde, Mond und die Sonne aus 18-karätigem Rotgold bilden das mechanische Tellurium / Foto: Jaeger-LeCoultre
Marc Newson kennt diesen Mönch schon lange
Marc Newson und Jaeger-LeCoultre arbeiten seit 2008 zusammen. Damals entstand die Atmos mit Kaliber 561, 2010 folgte Kaliber 566 und 2016 die erste Ausführung des Kalibers 568. Newson begegnete der Atmos nach Angaben beider Partner bereits als Jugendlicher und beschreibt sie als komplexes, beinahe magisches Objekt. Sein Verhältnis zu ihr ist daher keine kurzfristig angesetzte Markenromanze für die nächste Designwoche.
Das sieht man der neuen Tellurium an. Newson begreift, dass eine Atmos nicht bloß ein Werk in einem Gehäuse ist, sondern ein räumliches Verhältnis aus Transparenz, Masse und langsamer Bewegung. Seine Kugel gibt dem Mechanismus eine eigene Atmosphäre und lässt Vorder- wie Rückseite sichtbar. Die Form respektiert die Architektur der Uhr, füllt sie allerdings so entschlossen, dass kaum Luft für ein unbeabsichtigtes Detail bleibt.
Hier sitzt der eigentliche Streitpunkt. Die Atmos lebt technisch von minimaler Veränderung und ästhetisch oft von der fast unverschämten Behauptung, dass wenig genügt. Diese Tellurium stapelt dagegen Saphire, Meteoritenmaterial, Miniaturmalerei, Lasergravur, Rotgold, eloxiertes Aluminium und Mailänder Lederkunst wie ein Sternekoch, der Trüffel, Kaviar und fermentierte Zitrusnoten auf denselben Teller legt. Man bewundert die Zutaten und fragt sich trotzdem, ob ein klares Aroma nicht länger geblieben wäre.
Dass die Uhr nicht in Kitsch ertrinkt, verdankt sie ihrer mechanischen Substanz. Unter einer bloßen Schmuckkugel wären 539 Saphire Dekoration mit astronomischem Alibi. Über dem Kaliber 590 werden sie zur äußeren Fortsetzung eines Werks, das tatsächlich Himmelsbewegungen übersetzt. Der Schmuck erzählt dieselbe Geschichte wie die Mechanik, nur mit deutlich lauterer Stimme.
Drei Exemplare und das Ende jeder Bodenhaftung
Eine Auflage von drei Stück ist keine Kollektion, sondern ein Ereignis mit Inventarnummer. Herstellung und Steinbesatz erklären die geringe Zahl, doch Limitierung ist hier mehr als Produktionsnotwendigkeit. Sie verschiebt die Atmos aus der Welt hochwertiger Tischuhren in jene stille Zone zwischen Privatsammlung, Designmesse und Kunstobjekt, in der ein öffentlich genannter Preis bereits beinahe vulgär wirken würde.
Die klassische Atmos besaß nie demokratische Tugenden im engeren Sinn. Sie war ein Prestigeobjekt, wurde als offizielles Geschenk der Schweizerischen Eidgenossenschaft an Staatsoberhäupter überreicht und erhielt deshalb den Beinamen Präsidentenuhr. Ihre Grundidee blieb dennoch erstaunlich universell: Raumtemperatur wird zu Zeit, ohne dass der Besitzer täglich eingreifen muss. Die Newson-Ausführung macht aus dieser physikalischen Poesie zusätzlich ein Zugangssystem. Nur drei Menschen oder Institutionen werden sie regulär besitzen können; alle anderen dürfen den Kosmos aus der Pressemappe betrachten.
Das ist keine moralische Verfehlung, sondern Teil des Produkts. Haute Horlogerie war selten ein Wohlfahrtsverband, und die aufwendigen Métiers Rares entstehen nicht durch bescheidene Wünsche. Kritik verdient eher die automatische Gleichsetzung von Seltenheit und kultureller Bedeutung. Drei Exemplare machen ein Objekt schwer erreichbar, aber noch nicht wichtig. Seine Bedeutung muss aus Gestaltung und Mechanik kommen. Bei dieser Atmos kommt sie tatsächlich von dort, auch wenn die Limitierung vorsorglich einen Türsteher danebenstellt.

Der gerippte Sockel besteht aus dunkelblau eloxiertem Aluminium / Foto: Jaeger-LeCoultre
Under Consideration: Der Himmel darf etwas zu viel sein
Die Atmos Hybris Artistica Tellurium by Marc Newson ist großartig, aber nicht unschuldig. Sie ist zu kostbar, um beiläufig zu wirken, zu virtuos für echte Bescheidenheit und zu selten, um noch als normales Produkt behandelt zu werden. Ihr Kosmos trägt Schmuck, und der Schmuck kennt seinen Marktwert sehr genau, selbst wenn Jaeger-LeCoultre ihn nur auf Anfrage mitteilt.
Als bloße Luxuskuriosität lässt sie sich trotzdem nicht abtun. Das Kaliber 590 verbindet eine absurd sparsame Energieversorgung mit einer dreidimensionalen Darstellung von Erde, Mond und Sonne. Es macht Langsamkeit sichtbar, bringt Astronomie zurück in die Uhrmacherei und erinnert daran, dass Haute Horlogerie nicht am Handgelenk enden muss. Die astronomischen Langzeitwerte bleiben Herstellerangaben, doch die mechanische Leistung dahinter ist außergewöhnlich.
Marc Newson hat der Atmos keinen fremden Charakter aufgezwungen. Er hat ihren vorhandenen Hang zum magischen Objekt so weit verstärkt, bis aus Flüstern Oper wurde. Der Mönch trägt nun 32 Karat Sternenhimmel und steht auf blauem Aluminium, bewahrt unter dem Umhang aber seine alte Disziplin. Vielleicht ist das zu viel. Bei einem Modell des Sonnensystems wäre weniger Größenwahn allerdings fast schon thematisch unpassend.
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