Mit The Watch Keepers hat Audemars Piguet eine eigene Onlineplattform für gebrauchte Uhren der Marke gestartet. Jede Uhr wird dort von Uhrmachern der Marke geprüft, mit Herstellergarantie verkauft und bei Zifferblatt, Gehäuse und Band benotet. Alle 43 Zifferblätter zum Start bekommen die Bestnote, nur der Preis, an dem die Manufaktur mitverdient, bleibt ohne Note.
Ich habe mir zuerst die Filter angesehen, die sind bei einer neuen Verkaufsplattform die ehrlichste Stelle. Dreiundvierzig gebrauchte Uhren hat Audemars Piguet zum Start von The Watch Keepers online gestellt, der hauseigenen Plattform, über die Besitzer ihre Audemars Piguet weiterverkaufen können. Beim Zifferblatt steht bei allen dreiundvierzig eine Fünf. Mein erster Reflex war Mitleid. In der Schule hätte das eine Unterschrift der Eltern gekostet, bei Audemars Piguet ist die Fünf die Bestnote.
Die Gehäuse derselben Uhren schneiden menschlicher ab: 14 Fünfen, 25 Vieren, vier Dreien. Bei den Bändern sieht es ähnlich durchwachsen aus. Nur die Zifferblätter haben offenbar alle zusammen gelernt.
Das Prinzip heißt in der Branche Certified Pre-Owned, kurz CPO. Der Hersteller nimmt sich seine eigenen Gebrauchten vor, bestätigt Echtheit und Funktion und gibt Garantie darauf. Am 26. Oktober 2026 ist die Plattform in der Schweiz und der EU gestartet, für Privatleute mit Wohnsitz dort. Wer verkaufen will, schickt seine Uhr versichert in ein Servicezentrum der Marke. Uhrmacher gleichen sie mit den Archiven ab, prüfen, ob sie als gestohlen gemeldet ist, bereiten sie auf und fotografieren sie so, wie sie ist. Dann geht sie online, zum Festpreis oder in ein Bieterfenster, das drei bis vierzehn Tage offen steht. Der Käufer bekommt ein Zertifikat und zwei Jahre Garantie auf die Funktion. Einen Aufschlag zahlt er nicht.
Bild: Audemars Piguet.
Die Drei steht an der Tür
Benotet wird getrennt nach Zifferblatt, Gehäuse und Band, jeweils von eins bis fünf. Unter drei kommt keine Uhr auf die Plattform. Die Eins und die Zwei gibt es also, sie dürfen nur nicht mitspielen.
Die Gehäusenoten wirken ehrlich. Eine Royal Oak trägt jede Schreibtischkante, an der sie je entlanggeschrammt ist, auf ihren polierten Facetten mit sich herum. Eine Vier ist dafür eine faire Note.
Bei den Zifferblättern gibt es keine Streuung. Ob das an pfleglichen Vorbesitzern liegt oder daran, dass niemand ein Blatt mit Makel überhaupt einschickt, steht nirgends. Ich tippe auf beides, beweisen kann ich keins. Wie viele Vorbesitzer eine Uhr hatte, verrät die Plattform grundsätzlich nicht. Manchmal gibt es stattdessen eine Geschichte, wenn der frühere Besitzer zustimmt. Bei einigen älteren Stücken steht im Datenblatt, die Wasserdichtigkeit lasse sich altersbedingt nicht garantieren. Den Satz mochte ich sofort.
Drei Noten und eine Gesichtskontrolle
Ohne Konto sieht man Uhren, Noten und Fotos, aber keine Preise. Die erscheinen erst nach der Registrierung. Kaufen oder bieten darf nur, wer Ausweis und Selfie hochlädt und als Resident freigeschaltet wird, so heißt die oberste Stufe der Kundschaft. Für manche Bieterfenster muss man zusätzlich nachweisen, dass das Geld da ist. Die Uhr bekommt drei Noten, der Käufer eine Gesichtskontrolle.
Den Preis setzt der Verkäufer. Entweder als Festpreis oder als Reservepreis, also als Untergrenze, unter der bei Geboten nicht verkauft wird. 30 der 43 Uhren gehen zum Start in ein Bieterfenster.
Bild: Audemars Piguet.
Bescheiden in Prozent
An diesem Preis verdient Audemars Piguet mit. Die Kommission zahlt allein der Verkäufer, verhandeln lässt sie sich nicht. Auf den ersten Teil des Preises sind es 20 Prozent, für teurere Uhren sinkt der Satz auf die darüber liegenden Beträge stufenweise bis 10 Prozent. Wer seine Uhr für 25.000 Euro verkauft, bekommt 20.000 Euro. Je teurer die Uhr, desto kleiner der Satz. Der Betrag in Euro wächst weiter. Die Staffel ist bescheiden in Prozent und unbescheiden in Euro.
Darin stecken Prüfung, Aufbereitung, Fotos, Versicherung und Versand. Eine komplette Revision kostet extra und braucht die Zustimmung des Verkäufers. Vertragspartner des Käufers ist die Audemars Piguet (Marketing) SA. Sie erwirbt die Uhr vom Verkäufer, sobald man sich über den Preis einig ist. Weiterverkauft wird sie mit der Garantie der Marke.
Drei Noten für die Uhr, eine Prüfung für den Käufer, keine für die eine Zahl, an der die Manufaktur prozentual beteiligt ist. Ich halte das für folgerichtig, nicht für verdächtig. Eine Note auf den Preis wäre eine Preisempfehlung des Herstellers für die eigenen Gebrauchten. So bleibt der Preis, was er auf jedem Markt ist, eine Verabredung zwischen zwei Leuten, von denen einer gern mehr gehabt hätte.
Ganz frei ist der Verkäufer dabei nicht. Wer nach der Listung den Preis ändern, die Verkaufsart wechseln oder die Uhr zurückholen will, geht über das Team der Plattform und zahlt eine Servicegebühr, deren Höhe nirgends steht. Die Fotos gehören der Plattform. Wer die Uhr anderswo anbieten will, braucht neue Bilder. Die Kratzer darauf sind dieselben.
Zwei Jahre Abstand
Zugelassen ist jede echte Audemars Piguet, deren erster Verkauf mehr als zwei Jahre zurückliegt. Rolex verlangt bei seinem Programm, das seit Ende 2022 über die Konzessionäre läuft, inzwischen ebenfalls mindestens zwei Jahre. Gezählt wird bei Audemars Piguet das Alter der Uhr, nicht die Geduld ihres Besitzers. Neue Uhren verkauft die Marke überwiegend in eigenen Boutiquen. Mit der Plattform haben diese Boutiquen nichts zu tun, sie wickeln dort weder Ankauf noch Verkauf ab.
Bild: Audemars Piguet.
Das Startangebot reicht vom Jahrgang 1983 bis 2021. 17 Royal Oak, neun Offshore, sieben Millenary, fünf Code 11.59 und ein paar stille Klassiker. 28 Gehäuse sind aus Gold, elf aus Stahl. Auf der Startseite liegt eine Royal Oak 15400ST mit silbernem Zifferblatt, die Vorgängerin der aktuellen Stahlreferenz. Die aktuelle selbst fehlt zum Start, eine Jumbo aus Stahl ebenso. Ich hatte mit dem Gegenteil gerechnet.
Beratung durch Avatare
Anfassen kann man vor dem Kauf nichts, die Uhren liegen im Servicezentrum. Dafür gibt es Fotos, eine 360-Grad-Ansicht und auf Wunsch eine private Live-Sitzung mit den Expert Watch Keepers. Das sind digitale Avatare echter Mitarbeiter. Ob ich das charmant oder unheimlich finde, habe ich noch nicht entschieden.
Wer die Uhr dann in der Hand hält und sie nicht mag, hat 14 Tage für die Rückgabe. Bezahlt wird in Euro, mit Karte, per Überweisung oder in bis zu fünf Raten. Bar nimmt die Plattform nichts.
Bild: Audemars Piguet.
Verkäufer brauchen mehr Geduld. Bis zur Listung vergehen nach Angaben der Plattform mindestens drei Wochen, dazu kommen Versand und Rückgabefrist. Das Geld erreicht den Verkäufer bis zu 15 Tage nach deren Ende. Selbst eine Uhr, die am ersten Tag weggeht, kann so gut sieben Wochen unterwegs sein, bevor der Erlös ankommt. Wer eine Royal Oak verkauft, übersteht das.
Für Käufer ist das Paket solide: geprüfte Uhr, Garantie vom Hersteller, nichts obendrauf. Gemacht ist das mit einer Sorgfalt, die ich vielen Händlern wünschen würde. Verkäufer bezahlen dafür nach einem Tarif, der mit dem Preis wächst.
Mit dem Verkauf ist die Sache allerdings nicht erledigt. Wer auf der Plattform kauft, darf die Uhr dort jederzeit wieder anbieten, eine Sperrfrist gibt es nicht. Dann läuft alles von vorn: Die Uhr wird wieder geprüft und benotet, bekommt einen neuen Preis und Audemars Piguet behält erneut seine Kommission. Ihre Fünf auf dem Zifferblatt muss sich die Uhr also bei jedem Verkauf neu verdienen. Die Kommission nicht.
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