7 Min. Lesezeit

Der Grand Prix d'Horlogerie de Genève, kurz GPHG, ist der wichtigste Preis der Uhrenbranche. Und, er trennt nicht mehr nach Damen und Herren. Seine Siegerliste zeigt, welche Wunde die Damenkategorie zwanzig Jahre lang verbunden hat und warum Unisex sie nur überklebt.

Vierundvierzig Millimeter breit, 21 Millimeter hoch, rundherum Steine. In der Mitte wirbelt ein Tourbillon, ein kleiner Käfig, in dem die Unruh kreist, damit sich Gangfehler ausgleichen. Bei der Jacob & Co The Mystery Tourbillon 44mm dreht sich dieser Käfig gleich um drei Achsen. Obendrauf sitzt noch ein Stein mit 288 Facetten. Die Ausführung mit Amethysten ist ein Einzelstück, 541 violette Steine. 2025 stand diese Juwelenbombe im Finale des GPHG. Kategorie „Ladies' Complication“, also komplizierte Damenuhr.

In derselben Runde war bei den einfachen Damenuhren eine Audemars Piguet Royal Oak Mini Frosted Gold nominiert. 23 Millimeter, Quarzwerk, also Batterie und ein schwingender Kristall als Taktgeber. Alles, was der GPHG feminin nannte, passte irgendwie zwischen diese beiden Uhren. Was feminin war, durften die Marken laut Reglement übrigens selbst entscheiden.

Audemars Piguet Royal Oak Mini Frosted Gold mit 23 mm Gehäuse und Armband aus Gelbgold mit frostig schimmernder Oberfläche und goldenem Zifferblatt Bild: Audemars Piguet.

Damit ist Schluss. Für 2026 hat der GPHG die Damen gestrichen und die Herren gleich mit. Sortiert wird nach Technik. „Essential“ steht für Uhren mit einfachen Anzeigen, „Complication“ für die mechanisch aufwendigen. Neu dazu kommt „Gemset“ für einfache Uhren mit höchstens sechs Karat Steinen. Die Schmuckuhren bleiben in „Jewellery“. Die Grenzen im Markt verschwimmen, heißt es zur Begründung. Seither streitet die Branche, ob mit den Kategorien die Frauen verschwinden oder bloß zwei alte Schubladen.

Ich finde beide Lager zu höflich. Die Damenkategorie war zwanzig Jahre lang ein Verband über einer Wunde, die sich die Branche selbst zugefügt hat. Unisex ist das frische Pflaster.

Mit Steinen beworfen

Man muss nur die Siegerliste lesen. Einen Preis für die beste Damenuhr gab es ab 2001. Einen eigenen für komplizierte Damenuhren erst ab 2013. Zwölf Jahre lang war Mechanik für Frauen in Genf keine eigene Trophäe wert. Seitdem hat Van Cleef & Arpels diesen Preis fünfmal geholt, ein Juwelier, auf dessen Zifferblättern Ballerinen tanzen und Schmetterlinge flattern. Keine andere Marke hat ihn öfter als einmal gewonnen. Die Komplikation für Frauen kam in Genf also am häufigsten aus dem Schmuckhaus.

Bei den Frauen ist das angekommen, nur anders als gedacht. Die Beratungsfirma Deloitte hat 2024 zusammen mit Watch Femme, einem Genfer Verein für Frauen in der Uhrenwelt, Sammlerinnen und Fachleute befragt. Viele schrieben, die Marken behandelten Frauen wie einen nachträglichen Einfall. Werbung mit Steinbesatz erreiche die Frauen nicht, die sich für Mechanik interessieren. Unterversorgt bei der Produktentwicklung, so lautet das Fazit. 79 Prozent gaben an, dass Frauen im Uhrengeschäft nicht so behandelt werden wie Männer.

Dann gibt es noch den zweiten Weg zur Damenuhr. Die Branche hat dafür selbst einen Spottnamen, shrink it and pink it. Herrenmodell nehmen, kleiner machen, Zifferblatt rosa. Fertig. Kein Mensch musste ein Werk anfassen. Das Werk schrumpft nämlich nicht mit. Passt das Kaliber, also das Uhrwerk, nicht ins kleinere Gehäuse, braucht es ein neues Werk. Oder eben ein Quarzwerk.

Die Uhr mit dem Doppelleben

Wie dünn die Grenze war, hat der GPHG 2022 selbst vorgeführt. Hermès gewann mit der Arceau Le temps voyageur den Preis für die beste komplizierte Damenuhr. Am selben Abend gewann die Arceau Le temps voyageur noch einmal, diesmal bei den komplizierten Herrenuhren. Zwei Pokale, ein Name. Bei den Damen trat sie mit 38 Millimetern in Stahl an, bei den Herren mit 41 Millimetern in Titan und Platin. Drinnen arbeitet beide Male das Hermès-Kaliber H1837 mit einem Zusatzmodul, das einen kleinen Zähler über eine Fantasiekarte schickt und die Uhrzeit einer zweiten Stadt zeigt. Kleines Detail am Rand, auf der eigenen Seite führt Hermès manche 38-Millimeter-Version als großes Modell.

Ich gönne Hermès beide Trophäen. Nur waren die beste Uhr für Frauen und die beste für Männer damit dieselbe, getrennt durch drei Millimeter und ein anderes Metall. Wer die Kategorie betrauert, trauert um drei Millimeter.

Maßanfertigung

Es geht auch anders. Auch das steht in der Liste. 2019 gewann MB&F den Preis für komplizierte Damenuhren mit der Legacy Machine FlyingT. Die kleine Genfer Marke baut sonst Uhren, die nach Raumschiff oder Roboter aussehen. Die FlyingT war laut MB&F die erste Maschine des Hauses, die von Frauen inspiriert ist. Das Gehäuse misst 38,5 Millimeter, darüber schwebt ein fliegendes Tourbillon, eines ohne Brücke über dem Käfig. Die Uhrzeit steht auf einem kleinen, schräg gestellten Zifferblatt, das vor allem die Trägerin sieht. Das Automatikwerk mit 100 Stunden Gangreserve hat MB&F selbst entwickelt. Diamanten gab es trotzdem. Diesmal saßen sie auf der Mechanik und nicht an ihrer Stelle.

MB&F Legacy Machine FlyingT mit diamantbesetztem Weißgoldgehäuse, Glaskuppel, schwebendem Tourbillon und kleinem weißen Zifferblatt mit römischen Ziffern Bild: MB&F.

Später kamen Versionen ohne Diamanten dazu, in Rotgold oder Platin. Ein Etikett hat die Uhr nie gebraucht. So sieht Unisex aus, wenn es am Ende einer Entwicklung steht und nicht am Anfang eines Katalogs.

Der kleine Unterschied

Bei Bvlgari kann man beide Wege im selben Haus besichtigen. Die Octo Finissimo, eine auf minimale Bauhöhe getrimmte Uhr mit achteckigem Gehäuse, gab es als Automatik lange nur mit 40 Millimetern. Darin steckt das Kaliber BVL 138, das ganze Gehäuse ist 5,15 Millimeter hoch. Im April 2026 kam die Octo Finissimo mit 37 Millimetern. Für drei Millimeter weniger hat Bvlgari nicht zur Fräse gegriffen. Die Marke hat ein neues Werk gebaut. Das Kaliber BVF 100 misst 31 Millimeter, braucht 20 Prozent weniger Volumen und läuft 72 Stunden. Die Schwungmasse, die das Werk aufzieht, liegt als Mikrorotor im Werk selbst. Drei Jahre Entwicklung, sagt Bvlgari. Drei Jahre für drei Millimeter.

Bvlgari Octo Finissimo 37 mm aus sandgestrahltem Titan mit grauem Zifferblatt und Titanarmband Bild: Bvlgari.

Von außen sieht man der kleinen Octo das kaum an. Die Arbeit steckt dort, wo niemand hinschaut.

Ein Regal weiter windet sich die Serpenti Tubogas, bei Bvlgari unter Damenuhren einsortiert. Das Gehäuse mit 35 Millimetern hat die Form eines Schlangenkopfs, die Lünette ist aus Roségold, in der Krone sitzt ein rosa Rubellit, ein Edelstein aus der Turmalinfamilie. Ums Handgelenk legt sich ein Tubogas, ein biegsamer Schlauch aus ineinandergreifenden Metallringen. Mit einem geschrumpften Herrenmodell verwechselt die niemand. Innen tickt ein Quarzwerk. Bei einem Schmuckstück finde ich das vernünftig. So bekommt bei Bvlgari die Damenuhr die aufwendige Form und die kleinere Octo das neue Werk.

Bvlgari Serpenti Tubogas mit 35 mm Gehäuse aus Edelstahl, Lünette aus Roségold, weißem Zifferblatt und einfach gewundenem Spiralarmband Bild: Bvlgari.

Pflaster für alle

Die Kritik an der Abschaffung kommt also nicht aus dem Nichts. Ein Mitglied der GPHG-Akademie, früher selbst Juror, hat die Entscheidung öffentlich einen Fehler genannt. Im großen Topf würden Damenuhren entwertet und vermutlich übersehen. Eine Kollegin schrieb ihm zurück, das nehme den Marken die Pflicht ab, herauszufinden, was eine Uhr für Frauen ausmacht. Den Satz unterschreibe ich zur Hälfte. Nur hat die alte Kategorie diese Pflicht auch nicht eingefordert. Sonst wäre dort kein Tourbillon mit 44 Millimetern als feminin durchgegangen.

Unisex hilft, wenn es so gemeint ist wie bei Bvlgari, drei Jahre für ein kleineres Werk. Heißt Unisex bloß, die vorhandene Uhr in ein kleineres Gehäuse zu stecken, so weit das Werk es eben zulässt, dann klebt ein neues Etikett auf dem alten Verband. Wie wenig der Durchmesser allein übers Tragen verrät, zeigt der Text über die Lüge der 42 Millimeter.

Die lachende Dritte

Während Genf über Etiketten streitet, räumt eine andere Uhr ab. Laut Deloitte trugen 2024 nur noch 22 Prozent der befragten Frauen ausschließlich eine klassische Uhr. 2020 waren es 40 Prozent. Der Anteil der Frauen, deren einzige Uhr eine Smartwatch ist, ging von 18 auf 33 Prozent hoch. Für 2025 sieht Deloitte das größte Wachstum bei Käuferinnen und der Generation Z. Die Smartwatch hat in Genf noch nie einen Preis gewonnen. Sie braucht auch keinen.

Bleibt die Jacob & Co. Mit ihren Amethysten ist sie nach den neuen Regeln zu schwer für „Gemset“, allein davon trägt sie rund 25 Karat. Einzelstücke lässt der GPHG bei „Complication“ und „Tourbillon“ nicht mehr zu. Übrig bleibt „Jewellery“. Aus der komplizierten Damenuhr wird eine Schmuckuhr.

Weiterlesen