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Moritz Grossmann feiert seinen Namensgeber mit einem schwarzen Emailzifferblatt. Mich hat an der Hamatic Enamel aber eher eine winzige Jahreszahl hinten im Werk beschäftigt, über die ständig der Hammer schwingt.

Fast übersehen

Die Jahreszahl habe ich auf dem Foto der Rückseite erst beim zweiten Hinsehen gefunden. Sie ist unten in die kleine Brücke graviert, die die Unruh hält, das Rädchen, das im Uhrwerk hin und her schwingt und den Takt angibt. Winzig klein, irgendwo zwischen Schrauben und Steinen. Zur Hälfte liegt auch noch der graue Bogen des Hammers drüber, der diese Uhr aufzieht. 1826 steht da. In dem Jahr wurde Carl Moritz Grossmann geboren. Die Glashütter Manufaktur mit seinem Namen feiert den 200. Geburtstag mit einer ganzen Reihe von Sondermodellen. Die Hamatic Enamel ist nach eigener Zählung schon das siebte. Ein bisschen viel Geburtstag für ein Jahr, fand ich beim Durchzählen. Dass 1826 noch für einen zweiten Uhrmacher ein wichtiges Jahr war, habe ich erst später gemerkt.

Rückseite der Hamatic Enamel in Weißgold mit Glasboden, Hammer und Uhrwerk Bild: Moritz Grossmann.

Bevor man die Uhr umdreht, sieht man natürlich erst mal das Zifferblatt. Dort steckt auch die meiste Arbeit. Es ist aus schwarzem Email, fein gemahlenem Glas, das mit Metalloxiden eingefärbt und in mehreren Schichten im Ofen gebrannt wird. Reißt es bei einem dieser Brände oder platzt eine Ecke ab, ist das Blatt nicht mehr zu retten. Darauf sitzen arabische Ziffern aus massivem Gold, je nach Gehäuse rot oder weiß. Bislang hatte die Hamatic nur römische Ziffern. Das ist dann im Grunde auch schon die große Neuheit. Für einen 200. Geburtstag finde ich den Wechsel von römisch auf arabisch einen eher kleinen Festakt, auch wenn er in massivem Gold stattfindet.

Dazu kommt der Schriftzug „M. Grossmann“ in der Form, die er 1875 hatte. Die Rotgoldversion hat polierte Goldzeiger und ein dunkelbraunes Alligatorband, die aus Weißgold Zeiger aus poliertem Stahl und ein schwarzes Band. Jede gibt es achtmal. Die Nummer ist hinten am Gehäuserand eingraviert, auf dem Foto der weißgoldenen steht 8/8. Ich gebe zu, dass mein erster Gedanke war, dass ich ausgerechnet die gern hätte. Als ob die letzte Nummer mehr Uhr wäre als die erste. Sechzehn Stück also, zu je 75.600 Euro.

Hamatic Enamel in Rotgold und Weißgold mit schwarzem Emailzifferblatt und arabischen Ziffern Bild: Moritz Grossmann.

Was man vorne nicht sieht, ist der Hammer. Bei der Atum Hamatic von 2018 gab es dafür noch ein Fenster im Zifferblatt, durch das der goldene Hammerkopf zu sehen war. Die Enamel ist vorne komplett zu. Wer wissen will, was diese Uhr eigentlich besonders macht, muss sie umdrehen.

Die meisten Automatikuhren ziehen sich mit einem Rotor auf, einem halbrunden Gewicht, das sich bei jeder Bewegung des Arms um die Mitte des Werks dreht. Im Kaliber 106.0 übernimmt das ein Hammer. Der ist an einem Ende gelagert und trägt am anderen einen schweren Kopf aus Gold, sodass er in einem kurzen Bogen hin und her schwingt, ungefähr wie ein Pendel, das jemand flach hingelegt hat. Zwei kleine Sperrklinken nehmen die Bewegung in beide Richtungen mit, ein paar Zahnräder machen daraus eine gleichmäßige Drehung, die die Feder spannt. Laut Manufaktur reichen dafür schon fünf Grad Ausschlag. Weil das Gewicht weiter außen sitzt als bei einem Rotor, zieht der Hammer kräftiger auf. Schwingt er bei einer heftigen Bewegung zu weit, fangen ihn winzige Federn im Gestell ab, bevor er an den festen Anschlag kommt.

Von Hand aufziehen kann man die Uhr über die Krone trotzdem, eine kleine Wippe sorgt dafür, dass sich Krone und Hammer dabei nicht in die Quere kommen. Voll aufgezogen läuft sie 72 Stunden.

Was mir an dem Hammer am besten gefällt, ist eigentlich, wie viel er frei lässt. Ein Rotor schiebt sich bei jeder Drehung über einen anderen Teil des Werks. Das Gestell des Hammers ist in der Mitte offen. Man schaut hindurch auf die große Platte aus Neusilber mit den breiten Glashütter Streifen und auf die kleine Brücke mit der Jahreszahl.

Nahaufnahme vom Uhrwerk der Hamatic Enamel mit dem Hammer und der eingravierten Jahreszahl 1826 Bild: Moritz Grossmann.

Schwung aus dem Jura

Neu ist dieses Prinzip nicht, es ist rund 250 Jahre alt. In den 1770er Jahren tauchen die ersten Taschenuhren auf, die sich beim Gehen in der Westentasche selbst aufziehen. Abraham-Louis Breguet verkaufte 1780 seine erste Perpétuelle an den Herzog von Orléans, mit einem schwingenden Gewicht aus Platin. Als Erfinder wird meistens Abraham-Louis Perrelet genannt, ein Uhrmacher aus Le Locle im Schweizer Jura. Ganz sicher ist das nicht. Ein Mann aus Lüttich namens Hubert Sarton hat schon 1778 eine selbstaufziehende Uhr bei der Pariser Akademie der Wissenschaften beschrieben, während man Perrelets frühe Stücke vor allem aus späteren Berichten kennt. Hängen geblieben ist trotzdem Perrelet.

Bei seinen Lebensdaten bin ich dann hängen geblieben. Perrelet starb am 4. Februar 1826 in Le Locle, mit 97 Jahren. Sieben Wochen später kam Grossmann in Dresden zur Welt. Ich habe das zweimal nachgeschlagen, weil es fast zu gut passt. Auf der Rückseite einer Uhr, die Grossmanns Geburtstag feiert, arbeitet also die Idee eines Mannes, der kurz vor diesem Geburtstag gestorben ist.

Grossmann selbst hat mit Automatikuhren nichts zu tun gehabt, sein Leben lief ganz anders. Sein Freund Ferdinand Adolph Lange überredete ihn 1854, in Glashütte eine eigene Werkstatt aufzumachen. 1878 gründete er die Deutsche Uhrmacherschule. Als er 1885 überraschend starb, wurde die Firma aufgelöst. Erst mehr als 120 Jahre später ließ die Uhrmacherin Christine Hutter den Namen schützen und gründete 2008 die Grossmann Uhren GmbH. Deren erste Automatikuhr war die Hamatic.

Dass sie einen Hammer bekam und keinen Rotor, ist der eigenwilligere Teil. In den 1920er Jahren wanderte das Pendel ans Handgelenk. Die ersten Armbanduhren mit schwingendem Gewicht gingen in Serie, später bauten viele Hersteller solche Werke. Sammler nennen sie Bumper, nach den Federpuffern an beiden Enden, gegen die das Gewicht prallte. Klingt nach Autoscooter und funktionierte auch ungefähr so. Durchgesetzt hat sich am Ende der Rotor, der ohne Anschlag einmal ganz herumlaufen darf. Die kleinen Federn im Hammergestell der Hamatic sind späte Verwandte dieser Puffer, nur feiner gemacht.

Schöne Fassade

Bei einem Jubiläum kann man sich in dieser Branche auf zwei Sachen verlassen, auf eine Jahreszahl und auf eine kleine Stückzahl. Beides hat die Hamatic Enamel bekommen. Beim Email kann ich die kleine Stückzahl sogar nachvollziehen, denn wenn ein Blatt im Ofen platzt, geht es von vorne los. Für vier eingravierte Ziffern auf der Rückseite gilt das eher nicht. Trotzdem ist die Gravur alles, was die Rückseite zum Jubiläum abbekommen hat, obwohl sie schon vorher der interessanteste Teil dieser Uhr war.

Mein Einwand richtet sich also weniger gegen die Uhr als dagegen, wo die Arbeit hingeflossen ist. Fast alles, was fürs Jubiläum neu ist, sitzt auf der sichtbaren Seite. Mit 1826 hat die wenig zu tun. Ich hätte mir hinten mehr gewünscht. Einen Hammerkopf mit der Jahreszahl zum Beispiel oder ein Hammergestell in einer Farbe, die man nicht auf den ersten Blick für Stahl hält. Ob das technisch geht, kann ich nicht beurteilen, schön wäre es gewesen.

Zu einem Mann, der eine Uhrmacherschule gegründet hat, passt die Rückseite ohnehin besser, eine Erfindung aus dem Jura, sorgfältig in sächsisches Neusilber übersetzt. Man muss die Uhr dafür nur abnehmen. Solange sie am Arm ist, sieht der Besitzer das schwarze Email, während die Geschichte auf der Haut liegt.

Und da bewegt sie sich dann. Auf dem Foto liegt der Hammerbogen halb über der Gravur, am Arm pendelt er über dieser Stelle hin und her, sobald sich das Handgelenk ein paar Grad dreht. Ganz frei gibt er die Jahreszahl dabei nie. Zu Grossmanns Geburtstag ist also ein Gast gekommen, der sieben Wochen zu früh gegangen ist und trotzdem die ganze Arbeit macht.

Moritz Grossmann

Hamatic Enamel · Ref. MG-004000 (Rotgold) / MG-004079 (Weißgold)

UVP

75.600 €

⌀ 41 mm

Material
Rotgold oder Weißgold (750)
Zifferblatt
Schwarz (Email)
Werk
Manufakturkaliber 106.0, Automatik mit Hammeraufzug, Handaufzug über Wippe
Gangreserve
72 Stunden
Armband
Alligatorleder (Rotgold: dunkelbraun, Weißgold: schwarz)
Höhe
11.35 mm
Limitiert · 8 Stück

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