Am 8. November ruft Sotheby's in Genf die Patek Philippe 3970 mit der Werknummer 875'000 auf, geschätzt auf 1 bis 3 Millionen Franken. Eine großartige Uhr mit rund hundert Schwestern und einer Nummer, bei der Sammler gern schwach werden. Ihre Verkaufsdaten und die Preise der Schwestern zeigen, was ein schöner Anfang kosten darf.
Die Patek Philippe 3970 mit der Werknummer 875'015 ging am 3. Dezember 1986 über den Ladentisch, die 875'001 am 7. Januar 1987 und die 875'000 erst eine Woche danach, am 14. Januar im Genfer Geschäft der Marke. Ausgerechnet diese Nachzüglerin ruft Sotheby's am 8. November in Genf als Lot 88 auf, Titel „The First 3970“, Schätzung 1 bis 3 Millionen Schweizer Franken. Die Nummer null hat zwei höheren Nummern höflich den Vortritt gelassen, gezählt wurde trotzdem mit ihr zuerst.
Die Referenz ist bei Patek die Modellnummer, die Werknummer gehört dem einzelnen Uhrwerk wie eine Seriennummer. Den Verkaufstag der 875'000 hält ihr Certificate of Origin fest, das Ursprungszeugnis, das Patek Philippe einer neuen Uhr beim Verkauf mitgab, in Schreibmaschinenschrift ausgefüllt. Technisch teilt die Uhr alles mit den rund hundert Exemplaren ihrer Serie. Für sich allein hat sie die drei Nullen. Was die kosten dürfen, lässt sich ziemlich gut eingrenzen, weil mehrere Schwestern in den vergangenen zwei Jahren selbst versteigert wurden. Vorher lohnt aber ein Blick auf das, was alle diese Schwestern gemeinsam haben.
Bild: Sotheby's.
Hundert Schwestern mit Schnappdeckel
Die 3970 kam 1986 als Nachfolgerin der 2499 und blieb bis 2004 im Programm, dann übernahm die 5970. Sie ist ein Chronograph mit ewigem Kalender, also mit einer Datumsanzeige, die kurze und lange Monate samt Schaltjahr von selbst richtig abzählt. Neu waren bei Patek eine Schaltjahresanzeige und eine 24-Stunden-Anzeige in diesem seriell gebauten Uhrentyp. Das Handaufzugswerk 27-70 Q basiert auf dem Lemania 2310, einem Chronographenwerk des Schweizer Herstellers Lemania, das Patek stark überarbeitet hat.
Was mich an dieser Uhr freut, ist die Ordnung auf kleinem Raum. Oben sitzen die Fenster für Wochentag und Monat, links und rechts zwei Hilfszifferblätter für Sekunde, Stoppminuten, Schaltjahr und 24 Stunden, unten umrundet das Datum die Mondphase. Das alles passt auf ein silbernes Blatt in einem Gehäuse von 36,2 Millimetern, mit aufgesetzten Goldindexen und Zeigern in Blattform, die Sammler Feuille nennen. Trotzdem liest sich das Zifferblatt ruhig, für so viel Kalender erstaunlich.
Die erste Serie erkennt man von hinten. Sie hat einen Schnappboden, einen massiven Deckel, der aufgedrückt statt verschraubt wird. Rund hundert solcher Uhren sollen entstanden sein, alle in Gelbgold. Danach bekam die Referenz einen verschraubten Boden und den Zusatz E für étanche, wasserdicht. Unter dem goldenen Deckel liegt ein Werk mit Genfer Streifen und polierten Kanten, das bei Lot 88 nur sieht, wer den Boden öffnet. Ich mag diese Art von Schönheit, die man sich erst zeigen lassen muss.
Bild: Sotheby's.
Die Erste kam im Januar
Bleibt die Frage, was „erste“ heißt. Die Werknummer 875'000 eröffnet die Zählung der Referenz, das bestreitet niemand. Gezählt ist allerdings nicht gleich verkauft. Die Verkaufstage von 875'015 und 875'001 stammen aus dem Extract from the Archives, einem Auszug, in dem Patek Philippe Herstellungsjahr und Verkaufsdatum aus den eigenen Büchern bestätigt. Bei der Nummer null steht das Datum auf dem Ursprungszeugnis.
Auch die Gehäuse folgen ihrer eigenen Reihenfolge. 875'000 steckt im Gehäuse 2'824'130, 875'001 im Gehäuse 2'824'131, 875'015 im 2'824'125 und 875'004 im 2'824'111. Mir gefällt diese kleine Unordnung. Sie erinnert daran, dass die Nummer null 1986 eine 3970 unter vielen war, bevor Sammler ihr einen Namen gaben.
Sotheby's formuliert vorsichtig und nennt die Uhr das erste nummerierte Exemplar der Referenz. Die früheren Auktionstitel waren mutiger. 2005 hieß sie bei Antiquorum in Paris „The First 3970“. Zehn Jahre später stand im Katalog in Hongkong „The very first Patek Philippe Ref. 3970 ever produced“. Mit jeder Versteigerung wuchs die Überschrift ein Stück, während die Uhr dieselbe blieb.
Bild: Sotheby's.
Die Nummer zwei bekommt keinen Bonus
Zwischen November 2024 und Juni 2026 kamen mindestens vier Uhren der ersten Serie zur Auktion. Alle folgenden Beträge enthalten das Aufgeld, die Provision, die der Käufer zusätzlich zum Zuschlag an das Auktionshaus zahlt. Christie's verkaufte 875'015 im November 2024 in Genf für 277.200 Franken, bei einer Schätzung von 80.000 bis 120.000. Im selben Monat erzielte 875'004 bei Phillips in Hongkong 3,24 Millionen Hongkong-Dollar. Im Dezember brachte 875'001 bei Sotheby's in New York 312.000 US-Dollar, obwohl der Vorbesitzer Tom Brady hieß, als Quarterback ein Name, den auch Menschen ohne Uhrenhobby kennen. Im Juni 2026 kam 875'080 mit seinem deutschsprachigen Kalender bei Phillips in New York auf 838.200 US-Dollar.
Die Reihe hat eine freundliche Nachricht für alle, die eine frühe 3970 suchen. Die Nummer 875'001 liegt eine Ziffer neben der Null und landete trotzdem am unteren Ende der Gruppe, prominenter Vorbesitzer inklusive. 875'080 brachte mehr als das Zweieinhalbfache davon. Falls dort etwas Bestimmtes den Preis getrieben hat, dann eher der Kalender auf Deutsch als der Platz in der Zählung. Wer die erste Serie liebt, muss also nicht auf die Null warten.
Die Schätzung für Lot 88 beginnt deutlich oberhalb des besten dieser Ergebnisse. Was über einer gut dokumentierten Schwester liegt, ist der Preis für den Anfang. Rechnet man das Ergebnis von 875'080 zum Kurs der Auktionswoche in Franken um, bleibt schon am unteren Ende der Schätzung mehr übrig, als Christie's für die komplette 875'015 bekommen hat.
Ich verstehe jeden, der das bezahlen möchte. Bei drei Nullen in einer Werknummer werde ich auch weich, obwohl ich weiß, dass das Werk dahinter dasselbe ist wie bei Nummer 80. Anfänge erzählt man eben lieber als die Mitte einer Produktion. Der Erzählwert tickt nicht, aber er läuft bei jedem Blick auf die Papiere mit.
Bild: Sotheby's.
Mit jedem Auftritt ein bisschen berühmter
Das Schöne an 875'000 ist, dass sich ihr eigener Weg nachrechnen lässt. 2005 erzielte sie bei Antiquorum in Paris als Lot 307 inklusive Aufgeld 225.000 US-Dollar, damals mit einem Archivauszug. 2015 rief Antiquorum sie in Hongkong als Lot 482 auf, geschätzt auf 1,16 bis 2 Millionen Hongkong-Dollar. Verkauft wurde sie für 1,59 Millionen Hongkong-Dollar, diesmal mit dem Ursprungszeugnis. Der Archivauszug von 2005 taucht in den späteren Beschreibungen nicht mehr auf. Sotheby's hat einen neuen bestellt, der an den Käufer geht.
Beim Zustand reden die Kataloge in verschiedenen Tonlagen. Antiquorum bewertete das Gehäuse 2005 und 2015 jeweils mit der Note 3, „Good“, Werk und Zifferblatt mit „Very good“. Sotheby's beschreibt die Uhr als „excellent condition“ mit kräftigen Punzen, den eingeschlagenen Feingehaltsstempeln im Gold. Zwei Häuser benutzen zwei Notenskalen. Wie viel vom Unterschied an der Uhr liegt und wie viel an der Sprache der Kataloge, lässt sich aus den Katalogtexten allein nicht ablesen.
Bild: Sotheby's.
Den liebsten Satz zu dieser Uhr hat Antiquorum 2005 gedruckt, im selben Katalog, der sie „The First 3970“ taufte. Eine frühe Werknummer, heißt es im Aufsatz zum Los, gelte als begehrter als eine späte, bewege den Wert aber weniger als Varianten von Zifferblatt oder Gehäuse. Das Auktionshaus hat die Nummer null gefeiert und gleich daneben ein wenig gebremst. Am 14. Januar 1987 war die 875'000 in Genf einfach die nächste 3970, die verkauft wurde. Zur Ersten wurde sie erst, als man auf sie zurückschaute. Anfänge erkennt man eben fast immer erst hinterher.
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