MB&F baut eine Armbanduhr mit Roboterkörper. Das klingt nach Kinderzimmer mit Tresortür. Tatsächlich ist die HM12 The Guardian eine der schöneren Zumutungen der jüngeren Haute Horlogerie: ein Objekt, das sich weigert, brav am Handgelenk zu bleiben.
Man muss sich diese Szene vorstellen: Ein Sammler kommt nach Hause, legt die Uhr nicht in die Box, nicht auf den Uhrenbeweger, nicht auf jenen kleinen Altar aus Leder und schlechtem Gewissen. Er klickt sie einem einschließlich Sockel 38,2 Zentimeter großen Roboter auf den Kopf. Der Roboter wiegt rund 15 Kilo, trägt ein mechanisches Thermometer in der Brust, hält Lupe und UV-Taschenlampe bereit und sieht aus, als könne er nachts heimlich die schwächeren Stücke der Sammlung aussortieren.
Natürlich ist das absurd. Aber gute Uhrmacherei begann oft dort, wo der gute Geschmack kurz unbeaufsichtigt war.

Zwei Augen, ein Tourbillon und keine Bitte um Erlaubnis
Die HM12 The Guardian ist schön, weil sie nicht hübsch sein will. Sie hat nichts von jener höflichen Salonästhetik, die viele teure Uhren wie perfekt gebügelte Leinenanzüge wirken lässt. Hier sitzen Federstahl und Comic, Tourbillon und Spielzeugregal, Haute Horlogerie und Blechroboter an einem Tisch. Keiner benimmt sich, alle passen zusammen.
Frontal betrachtet ist die Uhr ein Kopf. Die springende Stunde sitzt links, die laufende Minute rechts; gemeinsam bilden sie Augen, nicht Anzeigen. Darunter liegt eine Seite des doppelseitigen Mikrorotors dort, wo ein Mund sein könnte. Darüber schwebt das fliegende Tourbillon wie eine zu ernste Stirnfalte. MB&F betreibt hier keinen Dekor, sondern Physiognomik. Die Uhr schaut zurück. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Darum bleibt die HM12 knapp vor der Peinlichkeit stehen, wo viele expressive Luxusobjekte mit Anlauf hineinfallen. Sie hat ein Gesicht, aber keine Grimasse. Sie erklärt sich nicht zur Kunst. Sie zwingt ihre Absurdität in eine Form, der man folgt.

Diese Uhr kann ihr Gesicht verziehen
Der stärkste Einfall ist das mechanische Visier. Es wird über die linke Krone bewegt, lässt sich stufenlos positionieren und arbeitet unabhängig von den zeitmessenden Komponenten des Kalibers. Mehr als 200 Bauteile dienen dieser Funktion allein; das ist, mit Verlaub, der Aufwand eines Sternekochs, der eine Gurkenscheibe in zwölf Aggregatzustände zerlegt. Lächerlich? Vielleicht. Großartig? Ebenfalls.
Die Bewegung allein wäre schon ein hübscher Salontrick. Das Visier verändert jedoch den Zustand der Uhr: offen ein Gesicht, geschlossen eine Maske. Aus einem Zifferblatt mit Effekt wird eine kleine mechanische Mimikmaschine. In einer Branche, die gern von Persönlichkeit redet und anschließend das nächste runde Gehäuse in leicht anderem Blau serviert, ist das fast unanständig konsequent.
Natürlich kann man einwenden, dass niemand eine Uhr braucht, deren Gesicht mechanisch maskiert wird. Aber „brauchen“ ist bei Haute Horlogerie ohnehin ein Wort wie Plastikbesteck im Grand Hotel: praktisch, aber am falschen Tisch.

Erst die Rückseite macht den Unsinn glaubwürdig
Unter dem Kostüm versteckt MB&F keine Leere. Das intern entwickelte automatische Kaliber HM12 besteht aus 646 Bauteilen, bietet 84 Stunden Gangreserve und arbeitet mit 86 Lagersteinen. Die meisten Komponenten sind von Hand veredelt. Dazu kommt ein guillochierter, gewölbter Rotor, der unter Mitwirkung von Kari Voutilainen und seinem Team entstand. Das ist kein beiläufiger Maschinenraum, sondern die Gegenerzählung zur Science-Fiction-Front. Vorne Comic-Oper, hinten Kammermusik.
Dieser Doppelcharakter macht die Uhr interessant. Die HM12 nimmt die alte Spaltung bei MB&F auf: Horological Machine gegen Legacy Machine, Zukunft gegen Erinnerung, Raketenrucksack gegen Taschenuhr. Nur wird daraus hier kein Kompromiss, sondern eine kontrollierte Kollision. Die Uhr darf kindlich aussehen, weil sie handwerklich erwachsen gebaut ist. Das ist ihr eigentlicher Freifahrtschein.
Man kann’s mögen oder ablehnen. Neutral bleiben wird schwierig.

Der Guardian ist kein Sockel, sondern ein zweites Argument
Besonders klug ist, dass der Roboter nicht wartet wie ein Präsentationsständer. Er übernimmt die Uhr. Am Handgelenk ist die HM12 ein Kopf ohne Körper; im Guardian wird aus ihr eine Figur. Man löst sie vom Armband, klickt sie in den Roboter und verstaut das Band in einer versteckten Schublade im Sockel. Plötzlich ist das Tragen nur noch eine von zwei möglichen Existenzen. Das ist der eigentliche Trick: MB&F baut keine Box für die Uhr, sondern ein Nachleben. Damit steht die HM12 in jener MB&F-Linie, die nie sauber zwischen Uhr, Skulptur und Spielzeug trennen wollte.
L’Epée 1839 entwickelte den Guardian aus 755 Bauteilen. In seiner Brust sitzt ein mechanisches Thermometer, in den Armen hält er Lupe und UV-Taschenlampe; Werkbetrachtung und Spieltrieb werden gleich mitgeliefert, als hätte jemand den Sammler zum Laborassistenten befördert. Drei Farben gibt es, Grün, Blau und Violett, jeweils zwölf Exemplare. Das ist weniger Zubehör als mechanische Wohngemeinschaft, weniger Sammlungserweiterung als Immobilienplanung im Mikromaßstab.
Der eigentliche Luxus beginnt hier nicht beim Preis. Er beginnt bei der freien Stellfläche. MB&F verkauft hier keine Uhr, die man besitzt. MB&F verkauft eine Szene, in der man selbst nur noch Nebenrolle ist: Sammler, Hausmeister, gelegentlicher Handgelenksträger.

Die HM12 ist absurd, aber nicht albern
Die HM12 The Guardian ist keine Uhr für jeden Tag. Wahrscheinlich nicht einmal für jede Woche. Sie ist zu groß im Gedanken, zu speziell im Auftritt, zu sehr Objekt statt Accessoire. Aber als These ist sie bemerkenswert: Eine mechanische Uhr darf wieder Figur sein, Begleiter, Maske, Apparat, kleines Möbelstück und privates Märchen.
Dass sie schön ist, liegt nicht an Harmonie. Es liegt an der Präzision ihrer Unruhe. Wie ein brutalistisches Gebäude, das bei Regen plötzlich zärtlich wirkt, gewinnt sie durch Widerstand. Man muss sie nicht tragen wollen, um sie zu verstehen. Aber wer sie versteht, wird schwerlich behaupten können, sie sei bloß Spielerei.
Vielleicht bewacht der Roboter gar nicht die Uhr. Vielleicht bewacht er die letzte gefährliche Idee im Luxus: dass Ernst und Spiel keine Feinde sein müssen.

Anatomie eines Wächters
Die HM12 The Guardian erscheint in drei Varianten, jeweils auf zwölf Exemplare limitiert: Grün, Blau und Violett. Insgesamt entstehen 36 vollständige Einheiten. Der Preis für die Kombination aus Uhr und Guardian liegt bei 280.000 Schweizer Franken vor Steuern. Das Gehäuse besteht aus Titan Grad 5 und misst 49,3 Millimeter in der Länge, 43,6 Millimeter in der Breite und 13,8 Millimeter in der Höhe. Drei Saphirgläser öffnen den Blick auf Konstruktion und Tourbillon; Super-LumiNova-Akzente setzen die nächtliche Pointe.
Im Inneren arbeitet ein vollständig intern entwickeltes automatisches Kaliber mit doppelseitigem Mikrorotor, fliegendem Tourbillon, springender Stunde, laufender Minute und einer Visierfunktion, die unabhängig von den zeitmessenden Komponenten arbeitet. Das Werk besteht aus 646 Bauteilen, verfügt über 86 Lagersteine und bietet 84 Stunden Gangreserve.
Der Guardian wurde mit L’Epée 1839 entwickelt. Der Roboter misst einschließlich seines Sockels 38,2 Zentimeter in der Höhe und 22 Zentimeter im Durchmesser. Er wiegt einschließlich Sockel rund 15 Kilogramm und besteht aus 755 Bauteilen. In seiner Brust sitzt ein mechanisches Thermometer; dazu kommen eine im Schutzschild integrierte Lupe, eine abnehmbare UV-Taschenlampe und eine versteckte Schublade im Sockel für das Armband. Gemeinsam bringen Uhr und Roboter fast 1.500 Bauteile zusammen.
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