Audemars Piguet hat acht Jahre geforscht, damit die Supersonnerie besser klingt. Verliebt habe ich mich in die neue grüne Titan-Version trotzdem beim Hinsehen. Anders als die bisherigen Titan-Ausführungen kommt sie ohne Grande Tapisserie aus und trägt ein Zifferblatt, das mit dem Schweigen etwas anfangen kann.
Seit 2019 baut Audemars Piguet die Royal Oak Minute Repeater Supersonnerie in Titan. Die Zifferblätter kamen in Blau, in Lachs und in Rauchgrau. Soweit ich die Reihe überblicke, lag auf jedem davon das feine Quadratraster der Grande Tapisserie. Der neuen Referenz 26591TI.OO.1252TI.08 fehlt dieses Raster. Von allen ist sie mir die liebste. Ihr grünes Zifferblatt hat einen Sonnenschliff und einen Verlauf, der in der Mitte hell anfängt und zum Rand hin so dunkel wird wie ein Tannenhang im Schwarzwald, wenn die Sonne schon hinter dem Kamm steht. Eine Uhr, die gebaut wurde, um gehört zu werden, trägt damit das leiseste Zifferblatt ihrer Reihe. Das rührt mich mehr, als ich erwartet hätte.
Eine Minutenrepetition ist ein Schlagwerk, das die Uhrzeit auf Wunsch hörbar macht. Man betätigt einen Schieber am Gehäuse, dann schlagen kleine Hämmer auf Tonfedern, gebogene Stahldrähte, die rund um das Werk laufen. Zuerst kommen die Stunden, danach die Viertelstunden, am Schluss die Minuten seit der letzten Viertelstunde. Wer mitzählt, kennt die Zeit, ohne hinzusehen. Danach ist wieder Ruhe. Selbst wer seine Repetition gern vorführt, lässt sie am Tag nur ein paar Mal schlagen, jedes Mal für wenige Sekunden. Die übrigen Stunden ist sie eine Uhr, die man ansieht.
Bild: Audemars Piguet.
Acht Jahre für den guten Ton
Dabei hat Audemars Piguet für diese paar Sekunden einen enormen Aufwand getrieben. Das Problem jeder Repetition am Handgelenk ist ihr eigenes Gehäuse. Klassisch sind die Tonfedern an der Platine befestigt, der Grundplatte des Uhrwerks. Ihr Ton muss sich dann durch Werk und Gehäuse nach draußen arbeiten und wird unterwegs gedämpft. Acht Jahre lang hat die Manufaktur an einer anderen Lösung geforscht, mit eigenen Uhrmachern, mit Musikern und mit Wissenschaftlern der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne.
Herausgekommen ist ein Resonanzboden aus einer Kupferlegierung, der zwischen Werk und Gehäuseboden liegt. Auf ihm sitzen die Tonfedern, an der Platine hängen sie nicht mehr. Audemars Piguet vergleicht dieses Bauteil mit der Decke einer Gitarre. Auch dort füllen die Saiten allein keinen Raum, erst das dünne Holz unter ihnen nimmt die Schwingung auf und gibt sie an die Luft weiter. Im Gehäuseboden der Uhr lassen Öffnungen den Ton hinaus.
Drei Patente stecken in dieser Konstruktion. Eines betrifft die Tonfedern aus gehärtetem Stahl, die in einem eigenen Verfahren entstehen und von Hand nachgestimmt werden. Ein zweites schützt den Aufbau aus Gehäuse und Resonanzboden. Das dritte gilt dem Regler, einer Bremse, die das Tempo der Schläge gleichmäßig hält. Sein Anker ist gegen Stöße gedämpft, damit zwischen den Tönen keine Nebengeräusche entstehen.
Ihren ersten Auftritt hatte die Supersonnerie 2015 in der Konzeptuhr RD#1 auf der Genfer Uhrenmesse SIHH. Ein Jahr später ging sie in der Royal Oak Concept Supersonnerie in Serie, einer Titanuhr von 44 Millimetern mit Chronograph und Tourbillon. 2019 folgte die Royal Oak Minute Repeater Supersonnerie, die außer der Repetition nur Stunden, Minuten und kleine Sekunde zeigt, in Platin und in Titan.
In dieser Royal Oak schlägt sie im Kaliber 2953, einem Handaufzugswerk aus 362 Teilen mit mindestens 72 Stunden Gangreserve. Zwei Feinheiten darin machen mich als Leser von Datenblättern glücklich. Fällt keine Viertelstunde an, etwa um zehn nach drei, entsteht zwischen Stunden und Minuten keine Lücke, in der man rätselt, ob noch etwas kommt. Solange das Schlagwerk läuft, sperrt eine Sicherung das Verstellen der Zeiger. Beides bemerkt man nur, wenn es fehlt.
Den Ingenieuren gegenüber bin ich ein wenig undankbar. Sie haben jahrelang an einem besseren Ton gearbeitet, mir hat es zuerst das Zifferblatt angetan. Wie die grüne Uhr klingt, kann ich nicht beurteilen, weil ich sie nicht gehört habe. Lautstärkewerte veröffentlicht Audemars Piguet keine. Eine Folge der Bauweise freut mich trotzdem. Weil der Resonanzboden unabhängig vom Gehäuse arbeitet, hat das Metall der Hülle keinen Einfluss auf den Klang. Das Titan muss akustisch nichts beweisen. Es darf satiniert und mit polierten Kanten den Rahmen für das Grün abgeben, 42 Millimeter breit und 14 hoch. Wasserdicht ist die Uhr mit ihren Schallöffnungen bis 20 Meter, für eine Royal Oak wenig, für einen Lautsprecher beachtlich.
Bild: Audemars Piguet.
Aus dem Raster gefallen
Tapisserie ist Französisch für Wandteppich. Bei Audemars Piguet heißt so das Muster aus kleinen Quadraten, das bei der Royal Oak seit Langem zum Zifferblatt gehört. Die Grande Tapisserie ist die Variante mit größeren Feldern.
Ich mag das Raster. Es hat nur eine Eigenart, die bei einem Farbverlauf ins Gewicht fällt. Jedes Quadrat fängt sein eigenes Licht, die Farbe darunter wird in viele kleine Felder zerlegt. Auch die rauchgraue Vorgängerin wurde zum Rand hin dunkler, dort lag der Verlauf aber unter dem Raster. Bei der .08 läuft das Grün ohne Unterbrechung von der hellen Mitte bis an den dunklen Rand, der Sonnenschliff legt lediglich feine Linien vom Zentrum nach außen darüber, die je nach Winkel Licht aufnehmen oder abgeben.
Ein konservativer Teil von mir hält eine Royal Oak ohne Tapisserie trotzdem für eine Royal Oak im Bademantel. Der Rest findet, dass ihr der Bademantel ausgezeichnet steht. Aufgegeben hat die Marke das Muster ohnehin nicht. Zusammen mit der grünen Titanuhr zeigt sie die erste Royal Oak Supersonnerie in Roségold, mit braunem Zifferblatt und Grande Tapisserie. Die .08 bleibt damit auch in ihrer eigenen Saison die Ausnahme. Einen Preis nennt Audemars Piguet für keine der beiden öffentlich, beide gibt es auf Anfrage.
Bild: Audemars Piguet.
Auf dem Grün sitzen Indizes aus 18-karätigem Roségold, die rhodiniert sind. Rhodium ist ein hellsilbriges Edelmetall. Eine hauchdünne Schicht davon lässt das rötliche Gold silbern erscheinen. Ich mag diesen kleinen Umweg, bei dem Roségold so tut, als wäre es Weißgold, während die Zeiger daneben tatsächlich aus Weißgold sind. Indizes und Zeiger tragen Leuchtmasse. Die kleine Sekunde bei sechs Uhr bleibt Ton in Ton, ein polierter Innenring fasst das Blatt ein.
Wie bunt eine Minutenrepetition werden darf, hat Patek Philippe im April mit der 7047G gezeigt. Die grüne Royal Oak geht in die andere Richtung und lässt etwas weg.
Funkstille in Grün
Technisch ist die grüne .08 im Kern die rauchgraue Ausführung von 2021 mit neuem Zifferblatt. Die Ingenieursarbeit war also längst erledigt, neu ist allein, wie die Uhr in ihren Pausen aussieht. Bei den früheren Titan-Versionen hatte das Zifferblatt zwischen zwei Schlägen immer etwas zu tun, Quadrat für Quadrat. Das Grün der .08 tut in diesen Pausen nichts, außer zum Rand hin dunkler zu werden und das Licht kommen und gehen zu lassen. Für die langen Stunden, in denen sie nichts sagt, hat diese Repetition ein Gesicht bekommen, das mit dem Schweigen etwas anfangen kann.
Fünfzig Stück baut Audemars Piguet von der grünen .08. Vergeben werden sie über die Boutiquen und die AP Houses. So nennt die Marke ihre Treffpunkte für Kunden, eingerichtet eher wie eine Wohnung als wie ein Geschäft. Dort stelle ich sie mir auf einem niedrigen Tisch vor, wie sie zum ersten Mal schlägt und danach im ganzen Raum eine Weile niemand etwas sagt.
Eine Repetition kauft man für ein paar Sekunden Klang und lebt mit ihr in den Stunden dazwischen.
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