Es gibt Momente in der Uhrmacherei, in denen ein Hersteller so viel Geschichte mit sich herumschleppt, dass jede neue Uhr automatisch ein Kompromiss zwischen Mut und Museum wird. Bei Breguet passiert das eigentlich ständig. Die Marke trägt mehr Weltkulturerbe auf dem Rücken als die meisten ihrer Konkurrenten zusammen. Tourbillon, Stoßsicherung, Spirale, Schlagwerk – der Stammbaum ist so übermächtig, dass man fast vergisst, dass Breguet einmal vor allem eines war: ein Labor.
Und genau deshalb wirkt die Expérimentale No. 1 wie ein kleiner Befreiungsschlag. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Marketingdruck, sondern aus einer Art innerem Zwang heraus, wieder dort anzusetzen, wo Abraham-Louis Breguet aufgehört hat: am Rand des technisch Möglichen. Dies ist nicht die Sorte Uhr, die man zum Rebranding eines modrigen Portfolios benutzt. Dies ist eine Uhr, mit der eine Manufaktur demonstriert: Wir können nicht nur Geschichte – wir können auch Zukunft.
Zweihundertfünfzig Jahre. Eigentlich ein schönes Alter, wenn man Jubiläumsgravuren und limitierte Zifferblattfarben mag. Breguet mag beides nicht besonders. Zum 250. Geburtstag gibt es daher keine Nostalgieschleife, kein „Heritage Edition“-Feuerwerk, sondern etwas Überraschenderes: Die Expérimentale No. 1. Eine Uhr, die nicht feiert, sondern weiterdenkt. Sie wirkt wie die Antwort einer Manufaktur, die beschlossen hat, dass Fortschritt ein besseres Geschenk ist als Sentimentalität.
Dabei ist sie ist nicht das Produkt einer spontanen Idee. Sie wirkt eher wie das Ergebnis eines innerbetrieblichen Dialogs, der über Jahre hitziger wurde. Denn Breguet trägt eine derart monumentale Geschichte, dass Stillstand zur natürlichen Gefahr wird. Die Expérimentale No. 1 ist die Gegenreaktion. Keine Hommage, sondern ein Neustart. Keine Rückschau, sondern ein Vorstoß. Eine Uhr, die Tradition ernst nimmt, indem sie sie nicht kopiert, sondern herausfordert.
Die Expérimentale eröffnet eine eigene Linie – nicht als Ableger der Marine, sondern als neues technisches Kapitel im Breguet-Kosmos. Inhaltlich steht sie dennoch nah an jener Tradition, in der Breguet nicht für Zierde berühmt wurde, sondern für Navigation, Präzision und wissenschaftlichen Fortschritt. Das Erbe des „Horloger de la Marine royale“ schwingt mit, ohne dass die Uhr formal in dieser Kollektion landet. Die Expérimentale No. 1 wirkt wie eine Forschungseinheit, die neben der Marine existiert und denselben Anspruch teilt: keine Ästhetikbehauptung, sondern eine technische Haltung.
Ein Jubiläum, das die Zukunft in den Vordergrund stellt
Der 250-Jahre-Bezug wirkt in der Expérimentale No. 1 nicht wie ein goldener Rahmen um ein historisches Motiv. Er wirkt eher wie ein Seitenhieb. Als hätte die Manufaktur gesagt: „Nach einem Vierteljahrtausend feiert man nicht, was war, sondern was möglich ist.“ Die Uhr ist kein nostalgisches Dankeschön, sondern ein forschender Auftakt.
Breguet selbst liefert den Schlüssel. Forschung und Entwicklung sind nicht Deko im Hintergrund, sondern seit 1775 das Fundament der Marke. Tourbillon, natürliche Hemmung, Stoßsicherung, Tonfeder, Spirale mit Endkurve, Observationssekunde. Wer diese Erbstücke trägt, braucht keine Retroabteilung, sondern ein Labor. Die neue Kollektion Expérimentale ist deshalb kein symbolischer Spielplatz. Sie ist eine Bühne. Jede Uhr dieser Linie soll zeigen, woran das Haus arbeitet, bevor andere Marken überhaupt erfahren, dass es existiert.
Die No. 1 ist streng limitiert, doch die Limitierung ist nicht das Verkaufsargument, sondern eine Folge der Komplexität. Diese Modelle entstehen nicht für Sammler, die Trophäen suchen, sondern für Sammler, die Forschung besitzen wollen. Die Expérimentale ist nicht der Ort, an dem Breguet nostalgisch wird. Sie ist der Ort, an dem die Marke sich selbst beweist.
Ein Maschinenraum aus Licht und Logik
Das Saphirglas übernimmt die Rolle eines geöffneten Dachs. Kein Zifferblatt, keine Inszenierung, keine Filter. Die Uhr zeigt, wie sie denkt. Die Mechanik wirkt nicht dekoriert, sondern organisiert. Goldene Brücken spannen sich wie architektonische Träger über eine Struktur, die eher wie ein feinmotorischer Rechenprozess wirkt als wie klassisches Uhrwerk.
Das Tourbillon, traditionell das stolze Zentrum vieler Haute-Horlogerie-Uhren, wirkt hier fast zurückhaltend. Es dreht nicht dramatisch, es fließt. Der Grund liegt in der Kombination aus zehn Hertz, magnetischer Hemmung und konstanter Kraft. Drei technische Disziplinen, die einzeln schon anspruchsvoll wären, verschmelzen zu einem Mechanismus, der seine eigene Physik entwirft.
Die konstante Kraft versorgt die Unruh mit gleichmäßigen Impulsen, unabhängig vom Energiestand des Federhauses. Die magnetische Hemmung entkoppelt kritische Funktionen voneinander und ermöglicht eine Präzision, die traditionelle Konstruktionen nie erreichen konnten. Die hohe Frequenz glättet jede Schwingung so stark, dass das Tourbillon nicht mehr rotiert, sondern fast schwebt.
In dieser konstruktiven Offenheit würde ein klassisches Zifferblatt wie eine Wand wirken. Der Regulator bringt Ordnung, aber nicht Nostalgie. Stunden unten. Minuten dezentral. Sekunden im Tourbillon. Die Anzeige schafft Balance im visuellen Maschinenraum. Die Zeit erscheint wie ein ruhender Punkt im Zentrum eines Systems, das sich ständig neu ausrichtet.
Das Doppelfederhaus ist ein Höhepunkt der funktionalen Logik. Zwei Federhäuser in Reihe, getrennt durch Saphir, gleichmäßig über zwei Ebenen verteilt. Mehr Energie, klüger genutzt. Die Konstruktion basiert auf einem historischen Breguet-Konzept, wird hier aber zu einem modernen Kraftwerk weiterentwickelt. Es ist eine technische Entscheidung, keine ästhetische. Und genau das macht sie glaubwürdig.
Form folgt Funktion, und die Funktion folgt dem Anspruch
Die Ästhetik der Expérimentale No. 1 ist das Ergebnis ihrer Logik, nicht ihrer Designabteilung. Breguet-Gold wirkt hier nicht luxuriös, sondern präzise. Die Linien sind scharf, die Oberflächen wechseln zwischen poliert und satiniert, als wären sie Markierungen eines technischen Geräts. Das Blau der Metallkomponenten fungiert nicht als Schmuck, sondern als Orientierung. Davon zeugt sogar die Premiere der blauen Zugfedern.
Die Uhr wirkt futuristisch, aber nicht im Sinne von Science-Fiction. Sie wirkt futuristisch, weil sie die Konsequenz ihrer Mechanik trägt. Die Saphirplattform ruht auf vier massiven Säulen aus Gold. Die Anzeige besteht aus drei lumineszierenden Kreisen, die miteinander verbunden sind, als wären sie Elemente eines mathematischen Diagramms. Das Tourbillon ragt ein Stück aus der Minuterie heraus, als würde es bewusst die klassische Geometrie infrage stellen.
Selbst die berühmten Breguet-Zeiger wurden neu interpretiert. Die exzentrische Pomme-Spitze bleibt, aber sie wirkt präziser, strenger, fast mathematisch. Die geheime Signatur erscheint nun auf Saphir statt auf Metall. Der kannelierte Mittelteil trägt doppelte Abschrägungen, und die Bandanstöße folgen einem klaren technischen Muster. Es ist eine Uhr, die ihre Herkunft respektiert, aber nicht nach ihr lebt.
Ein Schluss, der eigentlich ein Anfang ist
Die Expérimentale No. 1 ist nicht dafür gemacht, Variationen hervorzubringen. Sie ist eine Versuchsanordnung, die sich in tragbare Form verwandelt hat. Die gesamte Kollektion ist als Bühne gedacht, nicht als Standardlinie. Hier soll die Marke zeigen, wie man Magnetismus steuert, wie man Energie organisiert, wie man Hemmungen neu denkt, wie man die nächsten Jahrzehnte der Mechanik vorbereitet. Für Sammler bedeutet das: Man hält kein Modell in der Hand, sondern ein Kapitel Forschung. Eine Idee, die materialisiert wurde. Ein Stück Uhrmacherei, das nicht als Produkt begann, sondern als Frage.
Die Existenz dieser Uhr zeigt etwas, das viele vergessen haben. Mechanische Uhrmacherei kann relevant sein. Sie kann wissenschaftlich sein. Sie kann mutig sein. Und sie kann sich weiterentwickeln, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Sie fühlt sich nicht wie ein Abschluss des 250-jährigen Jubiläums an. Sie fühlt sich wie der Moment an, in dem die Marke entschieden hat, dass Feiern zu wenig wäre. Sie wählt den schwierigeren Weg und zeigt, was man erreichen kann, wenn man Tradition nicht konserviert, sondern benutzt. Diese Uhr ist kein Denkmal. Sie ist kein Schmuck. Sie ist keine Pose. Sie ist ein sichtbarer Gedanke. Ein mechanisches Argument. Eine Forschungsfrage mit Zeitanzeige. Sie ist die Antwort darauf, wie man ein Vierteljahrtausend Uhrmacherkunst ehren kann, ohne in der Vergangenheit zu erstarren.
Die Expérimentale No. 1 ist kein Rückblick. Sie ist ein Vorstoß.
Mehr zur Uhr: https://www.breguet.com/250/de/experimentale-1/


