Die UR-100V macht etwas Seltsames. Sie zeigt dir die Uhrzeit. Dann, wenn die Minutenzeiger am Ende ihrer 120-Grad-Bahn (welche 60 Minuten abbildet) verschwinden, tauchen sie wieder auf. Nicht für die nächste Stunde. Sondern um dir zu sagen, dass du in den letzten 20 Minuten 555 Kilometer weit rotiert bist. Und 35.740 Kilometer durchs Sonnensystem geflogen. Äquatorgeschwindigkeit, versteht sich. Orbital velocity.
Die Erde dreht sich, die Erde reist, und URWERK hat entschieden, dass dein Handgelenk ein guter Ort ist, um dich daran zu erinnern.
Felix Baumgartner, einer der beiden Gründer, formuliert es so: „Zeit, Erdbahn und Erddrehung. Wir leben in einem Universum, das von drei Achsen bestimmt wird. Wir versuchen diese drei Werte zu beherrschen und zu quantifizieren, aber wir können sie nicht fassen. Das ist das Raum-Zeit-Kontinuum." Die UR-100V ist seine Antwort. Keine didaktische. Eine mechanische.

Drei Satelliten auf Wanderschaft
URWERKS Satellitenanzeige ist seit 1997 das Markenzeichen. Drei Aluminium-Satelliten – drehende Stundenmodule wie kleine Planeten – sitzen auf einem Karussell. Immer einer nach dem anderen übernimmt: Ein Satellit zeigt die aktuelle Stunde, während ein pfeilförmiger Zeiger über eine 120-Grad-Skala wandert und die Minuten abträgt. Wenn Minute 60 erreicht ist, verschwindet dieser Satellit, der nächste schiebt sich ins Sichtfeld. Mechanische Choreografie, inspiriert von päpstlichen Nachtuhren des 17. Jahrhunderts. Haute Horlogerie für alle, die klassische Zifferblätter langweilig finden.
Was die UR-100V anders macht: Die Satelliten verschwinden nicht einfach. Nach ihren 60 Minuten auf der unteren Zeitskala tauchen sie oben wieder auf – und werden zu kosmischen Messinstrumenten. Links zeigt ein Zeiger die Erdrotation am Äquator, rechts die Revolution um die Sonne, jeweils für 20 Minuten. Die Zahlen wirken absurd präzise: 555 Kilometer Rotation, 35.740 Kilometer Umlaufbahn. Als wollte URWERK sagen: Ja, wir haben nachgerechnet. Nein, es ist nicht praktisch. Aber es ist real.
Martin Frei, der andere Gründer und künstlerische Kopf von URWERK, nennt es „ein Fragment des Universums am Handgelenk tragen“. Klingt poetisch. Ist es aber auch.


Lightspeed: Wenn Photonen das Zifferblatt übernehmen
Die UR-100V Lightspeed, erstmals 2024 in schwarzem Carbon vorgestellt und jetzt 2026 in weißer Keramik neu aufgelegt, geht noch weiter. Sie ersetzt die Erdrotation durch Lichtgeschwindigkeit. Statt Kilometer zeigt sie, wie lange ein Photon von der Sonne zu den acht Planeten braucht. Merkur: 3,2 Minuten. Venus: 6 Minuten. Erde: 8,3 Minuten. Mars: 12,6 Minuten. Und so weiter, bis Neptun, der satte 4,1 Stunden entfernt ist.
Ein blau-grüner Zeiger, befestigt an einem der drei Karussell-Arme, wandert über diese Planetenskala. Er braucht drei Stunden für eine volle Umdrehung. Bei Saturn taucht er unter der Minutenskala ab, bei Uranus wieder auf. Felix Baumgartner erzählt dazu eine Geschichte: „Wenn das Licht eines fernen Sterns uns erreicht, kann dieser Stern längst erloschen sein. Was wir sehen, existiert nicht mehr. Es ist nie die Gegenwart, nur eine Erinnerung." Die Lightspeed macht daraus eine Komplikation.
Das neue Keramikgehäuse ist eine Eigenentwicklung. Weiße Keramik, verstärkt mit Silberglasfaser und Carbon. URWERK nennt es „unzerbrechlich". 43 Millimeter breit, 51,73 Millimeter lang, 14,55 Millimeter hoch. Die Rückseite bleibt Titan, DLC-behandelt. Das Ergebnis: leicht, hart, und optisch wie aus einem NASA-Entwurf von 2050.

Das Kaliber: Vaucher trifft Windfänger
Im Inneren arbeitet das UR 12.02, ein Automatikwerk auf Vaucher-Basis, das URWERK komplett umgebaut hat. 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, 48 Stunden Gangreserve. Das Besondere ist das Windfänger-System: ein Turbinenmechanismus, der die Geschwindigkeit des Rotors reguliert. Wenn der Rotor zu schnell dreht, bremst ihn Luftwiderstand. Das reduziert unnötige Belastung und schont das Werk. Klingt einfach, ist aber typisch URWERK: eine Lösung für ein Problem, das andere Hersteller gar nicht erst angehen.
Die drei Satelliten sitzen auf Beryllium-Bronze-Genfer-Kreuzen, das Karussell ist aus Aluminium, die Grundplatinen aus ARCAP-Legierung. Alles auf Stabilität ausgelegt, denn die rotierenden Massen erzeugen dynamische Lasten. URWERK baut keine Uhrwerke, die einfach nur funktionieren müssen. Sie bauen Uhrwerke, die unter extremen Anzeigen funktionieren müssen.

Varianten: Von Ultraviolet bis Stardust
Neben der Lightspeed Ceramic existiert die UR-100V in mehreren Ausführungen. Die Ultraviolet trägt violettes DLC auf sandgestrahltem Titan. Die Magic T kommt in purem, mikrogestrahltem Titan. Die Magic T Hunter Green fügt ein tiefgrünes Finish hinzu. Und die Stardust setzt 400 Brillanten auf Edelstahl, als hätte jemand beschlossen, dass Sterne nicht nur beobachtet, sondern auch getragen werden sollten.
Jede Version misst 41 x 49,7 x 14 Millimeter. Jede zeigt Erdrotation und Orbit. Nur die Lightspeed weicht ab: größer, eigenständige Skala, kosmischer.

Was bleibt
Die UR-100V ist keine Uhr für Leute, die wissen wollen, wann der nächste Termin ist. Sie ist für Leute, die wissen wollen, wie weit sie seit dem letzten Termin durchs All gereist sind. 35.740 Kilometer pro 20 Minuten. Das ist keine Metapher. Das ist Physik am Handgelenk. Und bei URWERK hat man beschlossen, dass das wichtiger ist als ein Datum.
Felix Baumgartner und Martin Frei haben 1997 angefangen, Uhren zu bauen, die Zeit anders denken. Die UR-100V ist der Punkt, an dem sie aufgehört haben zu fragen „Wie spät ist es?” und stattdessen gefragt haben: „Wo bist du gerade im Universum?”
Die Antwort steht auf deinem Handgelenk. In Kilometern, Minuten, Lichtgeschwindigkeit.


